Die Rede vom Wassermannzeitalter

156 Tage zuvor

In meiner Internet-Recherche zum “Wassermannzeitalter” stiess ich auf folgenden Satz:

Wir erleben heute den katastrophalen Übergang des Fische-Zeitalters zum Wassermann-Zeitalter, den Untergang des Abendlandes und Aufstieg der neuen atlantischen Welt.

Wer diesen Satz liest, wird ihn wahrscheinlich dem Umfeld des so genannten New Age zuordnen. New Age — wir erinnern uns — wird allgemein seit den 80ern jene inhaltlich breitgefächerte, “alternative”, aber im Kern esoterische Bewegung genannt, die vor dem Hintergrund der atomaren Bedrohung des Kalten Krieges ihren Anfang nahm. Mit der New-Age-Bewegung geriet der bis dahin esoterisch-okkulte Diskurs um das Wassermannzeitalter an eine breite Öffentlichkeit, zuerst mit dem bekannten Hit aus dem Musical Hair und später dann auch mit dem Bestseller von Marilyn Ferguson, The Aquarian Conspiracy. Dieser Diskurs machte das eigentliche Herz der New-Age-Bewegung aus; sie wäre ohne die identifikatorische Kraft der Idee eines neuen Weltzeitalters ein heterogenes Gemisch von kulturellen, politischen und religiösen Reformbewegungen geblieben.

Der anfangs zitierte Satz stammt jedoch aus aus der Zeit der Weimarer Republik. Hitler stand kurz vor der Machtergreifung und Autoren “ariosophischer” Provenienz lieferten ihm in ihren Büchern den okkulten Rahmen für sein weltgeschichtliches Abenteuer. Das zyklische Geschichtsmodell Oswald Spenglers in Der Untergang des Abendlandes (1922) bot sich in geradezu idealer Weise dafür an, die “abendländische Kultur und Zivilisation” mit dem “Fisch-Zeitalter” in Verbindung zu bringen und den Beginn des “Wassermann-Zeitalters” als Wiege einer neuen Kultureinheit zu betrachten (und als Rechtfertigung einer Ideologie zu gebrauchen). Wenn man weiter liest wird die Linie der Argumentation klar.

Das sterbende Abendland abzubauen, ist die Bestimmung des dritten Reiches. Die Gestaltung des neuen atlantischen Kulturreiches im Wassermann-Äon wird Aufgabe des vierten Reiches sein.1

Es geht mir jetzt aber nicht darum, zwischen den okkulten Randerscheinungen des Nationalsozialismus und dem esoterischen Hintergrund des New Age irgendwelche ideele Verbindungen zu ziehen. Mir ist lediglich daran zu zeigen, wie die Rede vom Wassermannzeitalter immer auch eine Rede von der Zukunft des Menschen ist und wie leicht man in die ideologische Falle fragwürdiger Zukunftsvisionen geraten kann.

Da die Debatte zum Wassermannzeitalter prinzipiell eine astrologische ist, ist damit natürlich die Astrologie in ihrer Prognostik angesprochen. Es ist bezeichnend, wie die Astrologen der New-Age-Bewegung (z.B. Sakoian und Acker) die Deutung der transsaturnischen Planeten ganz an einer Zukunft orientierten, die vom jugendlichen Geist des Aufbruchs der “goldenen Sechziger” bestimmt war (“neue Religiosität” mit Neptun im Fische, “neue Gesellschaft”, “neuer Mensch” mit Pluto im Wassermann etc.). Der Widerhall dieser grundsätzlich optimistischen Weltanschauung findet sich heute in unzähligen Websites zum Thema „Wassermanzeitalter“. Allerdings erschöpfen sich diese meistens im arglosen Gebrauch revolutionärer Klischees. Es werden weltumspannende, freiheitliche Gedanken, Visionen, Aufbruch, Erneuerung prognostiziert, oder man liest von Opferlämmern der Fischzeit aus denen zukunftsorientierte Freidenker werden. Da die Prognose (im Gegensatz zur Prophetie) nicht ohne den vergleichenden Rückgriff auf vergangenes Geschehen auskommt, werden kulturhistorische Anhaltspunkte benötigt, die gleichsam als Wegmarken dienen sollen. Mitunter wird auch die Begrifflichkeit der alten Zeit für die neue Zeit umgedeutet. Das wird besonders da offenbar, wo das “Ende des Fischezeitalter” mit dem “Ende des Christentums” gleichgesetzt und das überlieferte eschatologische Vokabular (“Reich”, “Neue Erde”, “Wiederkunft”) dieser Religion weiter verwendet wird.2

Worum geht es aber eigentlich in der Rede vom Wassermannzeitalter?

Offenbar ist da in erster Linie der Übergang von einem Zeitalter in ein anderes gemeint. Dieser Übergang ist von “kosmologischer” Dimenson, da er sich auf dem theoretischen Hintergrund der astronomischen Präzession abspielt. Mit der Präzession, dem Fortrücken des Frühlingspunktes auf dem Zodiakus um ein Grad in 72 Jahren (also 2160 Jahre in einem zwölften Teil seines vollen Umlaufs), wird eine Zeitaltertheorie verknüpft, deren Ursprung mit Sicherheit vor der Zeit des New Age anzusetzen ist, wie wir oben gesehen haben. Ihre eigentliche Herkunft ist nichtsdestoweniger ungeklärt. Offenbar ist das Wissen um die Präzession in die Rechnungsverfahren antiker (babylonischer, indischer, chinesischer und mexikanischer) Weltaltervorstellungen eingeflossen3, aber nichts deutet darauf hin, dass es jemals eine aus der Präzession hergeleitete zodiakale Weltaltertlehre gegeben hätte, geschweige denn eine solche religiös oder politisch instrumentalisiert worden wäre, wie dies – relativ – unlängst geschah.4 Mit grosser Wahrscheinlichkeit geht die Theorie der zodiakalen Weltalter nicht weiter zurück als ins späte 19. Jarhundert und findet die geistige Grundlage in der synkretistischen Weltanschauung der Theosophischen Gesellschaft.

Mit der Theosophie Blavatskys entstand eine moderne Richtung der Esoterik, die einerseits dem positivistischen Geist des 19. Jahrhunderts entsprechend die “Wahrheit” über die “Religion” stellte (“There is no religion higher than truth.”) und andererseits dem philosophischen Materialismus der Epoche einen dezidierten Spiritualismus entgegensetzte. Hinzu kommt der grosse Einfluss, den die neu entdeckte naturwissenschaftliche Evolutionstheorie auf das Werk von Blavatsky und auf die ihr folgenden Schulen ausübte (gerade auch solcher der Astrologie ). Man kann sagen, dass der spirituell aufbereitete kosmologische Evolutionsgedanke das sine qua non ihrer Esoterik ausmacht, ihr eigentlicher Ausgangspunkt ist. Damit aber wurde ein Schisma in der Esoterik vollzogen. Denn für die traditionelle Esoterik ist die Welt immer eine Welt im “Fall”.

Dieses Schisma in der Esoterik des 19. Jahrhunderts widerspiegelt nichts anderes als den tiefen weltanschaulichen Riss, der Wissenschaft und Religion seither trennt und die Geistsphäre der Menschheit in zwei scheinbar entgegengesetzte Lager spaltet: die einen sehen im Zustand der Erde eine “organische Krise der Evolution”, ein naturhaftes Geschehen, das der Mensch beherrschen kann, – wenn er will5 –, die anderen sehen in diesem Zustand eine “Tragödie”.6

Aufwärts oder hinab!

Bei der Rede vom Wassermannzeitalter geht es letzlich um eine Standortsbestimmung des Menschen. Die Linearität der geschichtlichen Zeit soll mit einer auf astrologischen Prämissen basierenden Weltzeitalterlehre in Einklang gebracht werden. Dem “Schrecken der Geschichte” (Eliade) wird ein kollektives „kosmisches Bewusstsein“ entgegengesetzt, das historisch Einmalige ins Archetypische übertragen und darin aufgehoben.7

1 Strückmann, Hitler und die Kommenden, zitiert aus der Stern des Abgrundes p.33

2 www.sungaya.de, www.philognosie.net usw.

3 René Guénon macht im ersten Kapitel seines kleinen, aber in seinem Gesamtoeuvre nicht unbedeutenden Schrift Formes traditionnelles et cycles cosmiques (S.22f) darauf aufmerksam, dass die traditionell überlieferten Jahrzahlen der indischen Weltzeitalter (Yugas) am Zeitkreis der Präzession abgeglichen werden müssen, um ihre wirkliche Dauer zu ermitteln.

4 vgl. Stuckrad, Geschichte der Astrologie. Der Versuch den Mithras-Kult mit der zodiakalen Weltalterlehre in Verbindung zu bringen, wird von ihm widerlegt.

5 Es ist gerade dieses “Wenn”, “die Ungewissheit, ob die Möglichkeiten wohl tatsächlich genutzt und realisiert werden”, was die Evolution von der Geschichte unterscheidet. “Was aber wirklich geschieht und in Zukunft geschehen wird – das entscheidet sich nicht auf dem Feld der Evolution sondern auf dem Feld der Geschichte” (Pieper, Josef: Hoffnung und Geschichte, München 1967, S.44)

6 In seiner “Meditation” zur Tarotkarte des Schicksalsrades spricht Valentin Tomberg von den zwei Weisen, das Phänomen der Evolution zu begreifen: “Man sieht sie als ‘natürlichen Vorgang’, wenn man sie mit dem Auge des Passagiers betrachtet, während man sie als ‘Tragödie und Drama’ sieht, wenn man sie mit dem Auge eines Besatzungsmitglieds betrachtet . … Wir sind hier beim Kern des Problems ‘Esoterik-Exoterik’ angekommen. Die Exoterik lebt in ‘Prozessen’, die Esoterik in … Trägodien und Dramen. Die alten Mysterien waren Tragödien und Dramen – darin zeigt sich ihr esoterischer Charakter”. — “Die exoterisch verstandene Evolution ist ein kosmischer Prozess – ob biologisch oder geistig ist unwichtig –, während sie esoterisch verstanden ein Drama oder ein Mysterium ist im Sinne der Mysterien der Antike. Und nur für die so verstandene Evolution werden die Ideen von Sündenfall, Verdammnis, Erlösung und Heil nicht nur annehmbar, sonder sogar notwendig”. (Die grossen Arkana des Tarot, Freiburg, 1983)

7 Hier setzt neuerdings der mundanastrologische Diskurs eines Richard Tarnas (Cosmos and Psyche) an, der überzeugt davon ist, dass der Mensch – “klug wie die Schlange” – mit einer profunden Deutung der transsaturnischen Planeten in der Lage ist, bewusster am evolutiven Geschehen d.h. an der “schöpferischen “Intelligenz”” (“creative intelligence“) des Universums teilzuhaben.

Sunfoot

Kategorie: ,

>> , , , , , , , ,

---

Das Faivre-Paradigma und die Astrologie (1)

225 Tage zuvor

Das erste Kriterium einer esoterischen Denkform ist, nach Faivres Methode, der Grundgedanke der universalen Entsprechung(“correspondance”) der Dinge. Zwischen allen Teilen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt existieren symbolische Verbindungen, die – wie Faivre betont – als wirklich (“bien réelles”) betrachtet werden. Er zitiert die wohlbekannte Formel des Hermes Trismegistos (“wie oben so unten, wie unten so oben”) und fährt fort:

Man findet hier die uralte Idee des Mikrokosmos und Makrokosmos wieder, oder, wenn man so will, das Prinzip der universalen Wechselbeziehungen. Man hält dafür, dass diese Korrespondenzen auf den ersten Blick mehr oder weniger verborgen bleiben und folglich dazu bestimmt sind, gelesen und entziffert zu werden. Das gesamte Universum ist ein einziger grosser Schauplatz der wechselseitigen Abspiegelung, eine Welt von Hieroglyphen, die uns zur Entschlüsselung aufgegeben sind. Alles ist Zeichen, nichts gibt es, das nicht ein Mysterium in sich beschlösse oder eine Vorahnung davon erweckte. Ein jeder Gegenstand birgt ein Geheimnis in sich” (Antoine Faivre: Esoterik im Überblick, Freiburg 2001, S.24)

Faivre weist selbst auf die Bedeutung hin, die der Astrologie bei dieser Komponente esoterischen Denkens zukommt. Denn die Lehre der Entsprechung ist nicht nur für die Esoterik im ganzen, sondern gerade auch für die Astrologie fundamental. Der Grund dazu liegt nahe. Die Formel der Tabula Smaragdina ist — wie Valentin Tomberg in seinen Meditiationen zum Tarot hervorhebt — die “Formel der Analogie, für alles was im Raum existiert”. Die ihr innewohnende topologische Symbolik, die “Entsprechungen zwischen den Urbildern oben und ihren Manifestationen unten”, scheint wie für die Astrologie geschaffen zu sein. Die kleine Welt auf Erden ist ein Spiegel der grossen Welt im Himmel.

Die Formel aus der Tabula Smaragdina wird oft nicht zu Ende zitiert. Das Oben wird mit dem Unten in ein Verhältnis gesetzt, um – wie es abschliessend heisst – “das Wunder der Einheit zu vollbringen”, “ad perpetrando miracula Rei Unius”. Für das Verständnis der Lehre der Entsprechung ist das nicht unwesentlich, denn offenbar liegt deren Finalität darin, die Grundeinheit der Welt in ihrer Mannigfaltigket aufzuzeigen. Und genau das ist der anagogische Sinn jedes Symbols, seine “aufschliessende Kraft” (Goethe). Jedes Symbol zielt letztendlich auf das “Eine”, wie immer man auch diese Einheit nennen mag: Urgrund, Gott … Denn wie gesagt: die Entsprechungen sind symbolisch zu verstehen. Sie sind im eigentlichen Sinn des Wortes “sinnbildlich” d.h. sinn-bildend, sinn-stiftend, und das ist wohl auch der Grund, warum Faivre auf ihre “Wirklichkeit” verweist (“bien réelles”). Aus dem Grundgedanken einer allseitigen Entsprechung heraus kann jedes Ding in ein Verhältnis zu einer höheren Ebene gesetzt werden, das heisst die höhere Ebene ist im Ding “symbolisiert”: der Planet Mars ist ein “Himmelskörper” im naturwissenschaftlichen Sinne, aber er ist auch Hinweis auf eine höhere Instanz und zugleich ihr Ausdruck (wobei “Ausdruck” in keinem Fall mit “Einfluss” gleichgesetzt werden darf: der kausale Irrtum der modernen Schule der wissenschaftlichen Astrologie).

Man kann sich fragen, warum im Mittelalter die Astrologie nicht als Esoterik betrachtet wurde, sondern im Gegenteil als “Königin der Wissenschaft”, als “natürliche Theologie”, ihren festen Platz neben der Mathematik, Medizin und Philosophie hatte. Die Antwort fällt leicht, wenn man bedenkt, dass der Grundgedanke der universalen Entsprechung, die analoge Denkform, nicht nur ein esoterisches Prinzip ist, sondern gerade auch in der Theologie, spekulativen Philosophie und Metaphysik des Mittelalters ihren Platz und ihre Anwedung hatte. An der Formel “wie oben so unten” wurde noch nicht gezweifelt. Der Raum war noch nicht absolut gesetzt, leer, und musste noch nicht mit absurden “planetarischen Strahlungen” gefüllt werden.

Die Astrologie hat in diesem ersten Faivre’schen Kriterium seine Grundlage. Aber da im Vergleich zur heutigen Theologie und Philosophie (ganz zu schweigen von der Naturwissenschaft) allein die moderne Astrologie als hermetisch-esoterische Disziplin betrachtet wird, muss sie wohl noch weitere Kriterien des Faivre-Paradigma erfüllen. Bis auf weiteres …

Sunfoot

Kategorie: ,

>> , , , ,

---
---