Irgendwann anfangs der 80er Jahre wurde mir in der thurgauischen Kantonsbibliothek von Frauenfeld ein grossformatiger Lederband mit schweren Buchdeckeln ausgeliehen. Es war ein Buch von Agrippa von Nettesheim (1486-1535), sein auf lateinisch verfasstes Kompendium neuzeitlicher Magie, De Occulta Philosophia. Auf dem Xerox-Apparat vor dem Lesesaal kopierte ich dann mit bibliothekarischer Erlaubnis die Seite, auf denen sich die Holzschnitte mit den magischen Quadraten befand.
Vom modernen Standpunkt aus betrachtet, ist ein magisches Quadrat eine Anordnung von ganzen Zahlen in einem Quadrat, so dass die Summen über die Zeilen, Spalten und Diagonalen gleich sind. Ein Zahlenspiel.1
Für Agrippa aber —er wäre kein Vertreter der magia— haben diese Anordnungen der Zahlen einen versteckten Sinn und die Zahlen selbst ein eigenes Wesen.
Er bildet in seinem Magischen Werk sieben verschiedene Tafeln ab (je mit Zahlen und hebräischen Lettern) und weist die kleinste davon mit 3 mal 3 Zahlen, dem Planeten Saturn zu und die grösste, ein sogenanntes magisches Quadrat der 9. Ordnung, also mit 9 mal 9 Zahlen, dem Mond. Dazwischen stehen Mars, Jupiter, Sonne, Venus und Merkur.
Agrippa von Nettesheim hat sich den astrologischen Zusammenhang der sieben magischen Quadrate nicht aus den Fingern gesogen, denn es liegt nahe, dass seine magischen Quadrate in einem bestimmten — noch zu klärenden — Verhältnis zu der Vorstellung der Himmelsphären stehen, die bis zur kopernikanischen Wende der Neuzeit einen festen Platz in der christlichen und islamischen Kosmologie hatte.
Man könnte sich fragen, ob Agrippa bei der Anordnung der Zahlen in den verschiedenen Quadraten auch auf eine mittelalterliche Tradition zurückgreift, denn die Kombinationsmöglichkeiten der Quadrate der oberen Ordnung sind immens, und ausgeknobelt dürfte der junge Agrippa sie wohl kaum haben. Woher stammen sie also? (Um Hinweise bin ich dankbar!)
Beim kleinsten Quadrat, das Agrippa dem Saturn zuordnet, wird die Frage nach der Herkunft der Anordnung jedoch irrelevant, da diese sozusagen in ihm selbst gründet, wobei die Zahl 5, bei allen möglichen Spiegelungen und Drehungen der anderen Zahlen, in der Mitte ihren eindeutigen Platz hat.
Interessanterweise feiert dieses Quadrat hier im Westen, im Zusammenhang mit der fennöstlichen Kunst der Geomantie (Feng-Shui), fröhliche Urständ. Denn unser Saturnquadrat entspricht in der chinesischen (taoistischen) Überlieferung dem Lo-Shu-Quadrat, das dem Reichsgründer Yu auf dem Rücken einer Schildkröte zugetragen wurde und zu den neun Provinzen des Reichs der Mitte geführt hat. Die Anordnung der Zahlen ist dieselbe: die geraden (statischen) befinden sich in den Eckpunkten des Quadrats und die ungeraden (dynamischen) in der Mitte der vier Seiten, ein Kreuz bildend, wobei die 5, wie oben angesprochen, im Mittelpunkt steht. Für eine Kultur, die dieses Quadrat als Ausgangspunkt nimmt, ist die 5 denn auch die eigentliche Universalzahl, man denke an den Vorrang der fünf Elemente in der chinesischen Kultur, ihre pentatonische Musik … Genaugenommen ist das “Reich der Mitte” nur die “innere” Provinz, in deren Mitte wiederum selbst der Palast des Kaisers als Sohn des “Himmels” und als Sohn der “Erde” steht. In der abendländischen Tradition gemeinhin als “Zahl des Menschen” bezeichnet, ist die Zahl 5 von ihrer Stellung in der Mitte des Kreuzes ausgehend auch die “zentrale” Zahl der “Erde”.2
Damals aber in der Bibliothek ging ich weniger aus einem wissenschaftlich-theoretischen als vielmehr künstlerisch-gestalterischen Interesse an die magischen Quadrate heran. Ich wiederholte (mit der Hilfe meiner damaligen Freundin), was schon Agrippa mit den Quadraten getan hatte und zeichnete alle möglichen Verbindungen zwischen den Zahlen, so dass eigenartige Gitter und Zeichen enstanden, ungefähr so, wie das Agrippa von Nettesheim getan haben musste oder vor ihm getan worden war. Seine Betrachtung der Quadrate war “magisch” in dem Sinne, dass er aus den Zahlen sogenannte “Siegel” (Sigillen) zog, die für operative Zwecke verwendet werden konnten (Beschwörung, Talismane etc.).
Durch die Verbindung aller Zahlen im Saturnquadrat entsteht zum Beispiel ein typischer Saturnsiegel, dessen Form hier, mit dem Adobe-Illustrator farbig bearbeitet, im Verhältnis zu den kruden und etwas unheimlichen Holzschnitten in Agrippas Buch plakativ und harmlos zu sein scheint (die magische Kraft dahinter aber wohl die gleiche geblieben ist).
1 zum mathematischen Aspekt der magischen Quadrate siehe www.magic-squares.de
2 Zur taoistischen Dreiheit “Himmel-Erde-Mensch” und die Rolle der Zahl 5 siehe: René Guénon: La grande Triade Paris, 1957.


