115 Tage zuvor
Die Gestalt der beiden gegenläufigen, embryonenhaften Formen im Symbol für das Tierkreiszeichen Krebs ♋ findet sich in einer Ligatur des Sanskrit für das bekannte einsilbige OM-Mantra der östlichen Tradition wieder.
ॐ
Das Schriftzeichen wie die Klanggestalt dieses Mantras, das seinem Laut entsprechend auch als AUM wiedergegeben wird, ist in drei Teile gegliedert. Da ist einmal das A als langer Anlautsvokal, (in der Schrift des Sanskrit mit आ wiedergegeben), und da ist der Schlusslaut als ein Punkt ઁ, bei dem es sich eigentlich nicht um ein M, sondern um eine ausschwingende Nasalierung des vorgehenden Vokals handelt. Zu diesen beiden Teilen des Schriftzeichen gesellt sich ein spiralförmiger Strich, der die Ligatur mitprägt. Er steht in den indischen Schriften für den Vokal U.
ુ
Dieses Zeichen ist mit der Form des Keimlings im Zeichen Krebs ♋ verwandt. Auffällig ist bei beiden Formen das sich einrollende, spiralförmige Ende. Tatsächlich steht der Keimling des Krebs und die Silbenmitte (U) des Mantras für einen Zustand im Stadium der “Einwicklung” bzw. “Entwicklung”. Es ist ein Zwischenzustand: ein Übergang zwischen der sinnenfälligen unteren Welt und der intelligiblen oberen Welt. Es ist der “Traumzustand” (taijasa) bzw. der Bereich der “imaginalen” Formen ( mundus imaginalis). So wie der Keimling das erst “virtuell” vorhandene, noch nicht manifeste Wesen zwischen “Konzeption” und “Geburt” symbolisiert, so steht die Silbenmitte des Mantras für den (in gewisser Weise umgekehrten, hinduistischen) Weg vom offenbarten Sein (A) zu dessen Zielursache (dem dimensionslosen, metaphysischen Punkt als Urgrund allen Seins).
Wie gesagt werden die “Keimlinge” im Zeichen Krebs doppelt und zwar im gegenläufigen Sinn dargestellt, so dass ein Kreis mit zwei komplementären Formen entsteht. Dies entstpricht dem Yin-Yang ☯, einem Symbol der der fernöstlichen Tradition, das die beiden Formen auf gleiche Weise wie das Zeichen Krebs vereint. Es handelt sich dabei um ein Symbol der Zyklik, das heisst, es steht für die Wechsel im zeitlichen Kreislauf mit Phasen der Vorherrschaft von yin (Winter, Dunkelheit) bzw. yang (Sommer, Licht). Es steht auch für die Symbolik der “Hemisphären” (wie die in verschiedenen Kulturkreisen auftretende Doppelspirale). Die Kugelgestalt (das “Weltei”) entspricht dem Sein in seiner vollkommenen Fülle, in dem die beiden Keimlinge ihren Ursprung haben, unterschieden in männlich und weiblich, aber noch nicht getrennt.
Wie das Tierkeiszeichen Krebs ♋ dem “Wasser” angehört, so auch die Muschel (shankha). Nach der indischen Tradtion bewahrt sie während der endzeitlichen Auflösung der Welt (pralaya) in ihrem Innern die Keime eines neuen Weltzyklus. Sie umschliesst den “unzerstörbaren” Urklang (akshara), den Einsilber OM, der sich am Anfang jedes Zyklus neu offenbart.
Auch hier findet sich eine symbolische Entsprechung zum Keimling im Tierkreiszeichen Krebs: die gerade Linie (A) bedeckt und schliesst (U) die Muschel, die in ihrem Innern den Punkt (M) als Urgrund und Ausgangspunkt allen Seins enthält. Gleichzeitig aber versinndbildlicht die gerade Linie in ihrer horizontalen Ausrichtung die “Oberfläche der Wasser” als Grundlage für die Entwicklung der Keimlinge (das Aufblühen der Lotusblume) am Ende der zeitlichen Finsternis zwischen zwei Zyklen.
Von den beiden Stellungen der Muschel, die sich in den beiden Hälften des Symbols Krebs finden, entspricht die untere der Arche von Noah (oder der von Satyavrata in der hinduistischen Tradition) und enthält in ihrem Innern den Punkt, in dem sich alle Wesen im Zustand völliger Einfaltung zusammenfinden. Die andere Stellung ist im Regenbogen symbolisiert, der im Augenblick der Wiederherstellung der Ordnung und Erneuerung aller Dinge in der “Wolke”, dass heisst, im Bereich der Oberen Wasser erscheint. Die Arche hingegen schwimmt während der Flut auf den Unteren Wasser. Der untere Halbkreis als Arche und der obere Halbkreis als Regenbogen bilden für sich eine einzige kreisförmige Figur und sind zusammen ein Sinnbild für die Wiederherstellung des Ursprungs: als ganzer Umkreis ist es der vertikale Schnitt durch die ursprüngliche Kugelgestalt, während der horizontale Schnitt die kreisförmige Umfriedung des irdischen Paradies zeigt.
(Quelle: Guénon, René: L’hiéroglyphe du Cancer. Voile d’Isis, 1931)
— Sunfoot
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Die Rede vom Wassermannzeitalter
156 Tage zuvor
In meiner Internet-Recherche zum “Wassermannzeitalter” stiess ich auf folgenden Satz:
Wir erleben heute den katastrophalen Übergang des Fische-Zeitalters zum Wassermann-Zeitalter, den Untergang des Abendlandes und Aufstieg der neuen atlantischen Welt.
Wer diesen Satz liest, wird ihn wahrscheinlich dem Umfeld des so genannten New Age zuordnen. New Age — wir erinnern uns — wird allgemein seit den 80ern jene inhaltlich breitgefächerte, “alternative”, aber im Kern esoterische Bewegung genannt, die vor dem Hintergrund der atomaren Bedrohung des Kalten Krieges ihren Anfang nahm. Mit der New-Age-Bewegung geriet der bis dahin esoterisch-okkulte Diskurs um das Wassermannzeitalter an eine breite Öffentlichkeit, zuerst mit dem bekannten Hit aus dem Musical Hair und später dann auch mit dem Bestseller von Marilyn Ferguson, The Aquarian Conspiracy. Dieser Diskurs machte das eigentliche Herz der New-Age-Bewegung aus; sie wäre ohne die identifikatorische Kraft der Idee eines neuen Weltzeitalters ein heterogenes Gemisch von kulturellen, politischen und religiösen Reformbewegungen geblieben.
Der anfangs zitierte Satz stammt jedoch aus aus der Zeit der Weimarer Republik. Hitler stand kurz vor der Machtergreifung und Autoren “ariosophischer” Provenienz lieferten ihm in ihren Büchern den okkulten Rahmen für sein weltgeschichtliches Abenteuer. Das zyklische Geschichtsmodell Oswald Spenglers in Der Untergang des Abendlandes (1922) bot sich in geradezu idealer Weise dafür an, die “abendländische Kultur und Zivilisation” mit dem “Fisch-Zeitalter” in Verbindung zu bringen und den Beginn des “Wassermann-Zeitalters” als Wiege einer neuen Kultureinheit zu betrachten (und als Rechtfertigung einer Ideologie zu gebrauchen). Wenn man weiter liest wird die Linie der Argumentation klar.
Das sterbende Abendland abzubauen, ist die Bestimmung des dritten Reiches. Die Gestaltung des neuen atlantischen Kulturreiches im Wassermann-Äon wird Aufgabe des vierten Reiches sein.
Es geht mir jetzt aber nicht darum, zwischen den okkulten Randerscheinungen des Nationalsozialismus und dem esoterischen Hintergrund des New Age irgendwelche ideele Verbindungen zu ziehen. Mir ist lediglich daran zu zeigen, wie die Rede vom Wassermannzeitalter immer auch eine Rede von der Zukunft des Menschen ist und wie leicht man in die ideologische Falle fragwürdiger Zukunftsvisionen geraten kann.
Da die Debatte zum Wassermannzeitalter prinzipiell eine astrologische ist, ist damit natürlich die Astrologie in ihrer Prognostik angesprochen. Es ist bezeichnend, wie die Astrologen der New-Age-Bewegung (z.B. Sakoian und Acker) die Deutung der transsaturnischen Planeten ganz an einer Zukunft orientierten, die vom jugendlichen Geist des Aufbruchs der “goldenen Sechziger” bestimmt war (“neue Religiosität” mit Neptun im Fische, “neue Gesellschaft”, “neuer Mensch” mit Pluto im Wassermann etc.). Der Widerhall dieser grundsätzlich optimistischen Weltanschauung findet sich heute in unzähligen Websites zum Thema „Wassermanzeitalter“. Allerdings erschöpfen sich diese meistens im arglosen Gebrauch revolutionärer Klischees. Es werden weltumspannende, freiheitliche Gedanken, Visionen, Aufbruch, Erneuerung prognostiziert, oder man liest von Opferlämmern der Fischzeit aus denen zukunftsorientierte Freidenker werden. Da die Prognose (im Gegensatz zur Prophetie) nicht ohne den vergleichenden Rückgriff auf vergangenes Geschehen auskommt, werden kulturhistorische Anhaltspunkte benötigt, die gleichsam als Wegmarken dienen sollen. Mitunter wird auch die Begrifflichkeit der alten Zeit für die neue Zeit umgedeutet. Das wird besonders da offenbar, wo das “Ende des Fischezeitalter” mit dem “Ende des Christentums” gleichgesetzt und das überlieferte eschatologische Vokabular (“Reich”, “Neue Erde”, “Wiederkunft”) dieser Religion weiter verwendet wird.
Worum geht es aber eigentlich in der Rede vom Wassermannzeitalter?
Offenbar ist da in erster Linie der Übergang von einem Zeitalter in ein anderes gemeint. Dieser Übergang ist von “kosmologischer” Dimenson, da er sich auf dem theoretischen Hintergrund der astronomischen Präzession abspielt. Mit der Präzession, dem Fortrücken des Frühlingspunktes auf dem Zodiakus um ein Grad in 72 Jahren (also 2160 Jahre in einem zwölften Teil seines vollen Umlaufs), wird eine Zeitaltertheorie verknüpft, deren Ursprung mit Sicherheit vor der Zeit des New Age anzusetzen ist, wie wir oben gesehen haben. Ihre eigentliche Herkunft ist nichtsdestoweniger ungeklärt. Offenbar ist das Wissen um die Präzession in die Rechnungsverfahren antiker (babylonischer, indischer, chinesischer und mexikanischer) Weltaltervorstellungen eingeflossen, aber nichts deutet darauf hin, dass es jemals eine aus der Präzession hergeleitete zodiakale Weltaltertlehre gegeben hätte, geschweige denn eine solche religiös oder politisch instrumentalisiert worden wäre, wie dies – relativ – unlängst geschah. Mit grosser Wahrscheinlichkeit geht die Theorie der zodiakalen Weltalter nicht weiter zurück als ins späte 19. Jarhundert und findet die geistige Grundlage in der synkretistischen Weltanschauung der Theosophischen Gesellschaft.
Mit der Theosophie Blavatskys entstand eine moderne Richtung der Esoterik, die einerseits dem positivistischen Geist des 19. Jahrhunderts entsprechend die “Wahrheit” über die “Religion” stellte (“There is no religion higher than truth.”) und andererseits dem philosophischen Materialismus der Epoche einen dezidierten Spiritualismus entgegensetzte. Hinzu kommt der grosse Einfluss, den die neu entdeckte naturwissenschaftliche Evolutionstheorie auf das Werk von Blavatsky und auf die ihr folgenden Schulen ausübte (gerade auch solcher der Astrologie ). Man kann sagen, dass der spirituell aufbereitete kosmologische Evolutionsgedanke das sine qua non ihrer Esoterik ausmacht, ihr eigentlicher Ausgangspunkt ist. Damit aber wurde ein Schisma in der Esoterik vollzogen. Denn für die traditionelle Esoterik ist die Welt immer eine Welt im “Fall”.
Dieses Schisma in der Esoterik des 19. Jahrhunderts widerspiegelt nichts anderes als den tiefen weltanschaulichen Riss, der Wissenschaft und Religion seither trennt und die Geistsphäre der Menschheit in zwei scheinbar entgegengesetzte Lager spaltet: die einen sehen im Zustand der Erde eine “organische Krise der Evolution”, ein naturhaftes Geschehen, das der Mensch beherrschen kann, – wenn er will –, die anderen sehen in diesem Zustand eine “Tragödie”.
Aufwärts oder hinab!
Bei der Rede vom Wassermannzeitalter geht es letzlich um eine Standortsbestimmung des Menschen. Die Linearität der geschichtlichen Zeit soll mit einer auf astrologischen Prämissen basierenden Weltzeitalterlehre in Einklang gebracht werden. Dem “Schrecken der Geschichte” (Eliade) wird ein kollektives „kosmisches Bewusstsein“ entgegengesetzt, das historisch Einmalige ins Archetypische übertragen und darin aufgehoben.
— Sunfoot
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Der Zodiak von Vézelay
236 Tage zuvor
Die gotischen Kathedralen und die Kirchenbauten der Romanik sind bekannt für ihre reiche Symbolik, die neben der reinen Verkündigung der christlichen Heilslehre auch den mythischen Fluss der “weltlichen” Überlieferung berücksichtigt, unter anderem die Astrologie. Ein Beispiel bietet uns ein bedeutendes Werk romanischer Bildhauerkunst: das Tympanon der Basilika St. Madeleine von Vézelay im Burgund.
Christus in der Mitte spendet mit ausgebreiteten Händen den Jüngern auf seinen beiden Seiten den Segen. Es ist dies die Darstellung des “Pfingstwunders”. Rund um diese Szene befindet sich eine erste Bogenrundung von kleineren Figuren in acht Gruppen (die oberste um das Haupt Christi — nur nebenbei — von hundsköpfiger Gestalt): es sind dies die Völkerschaften, denen von den Aposteln das Evangelium verkündet wird. Der nächste Bogen aber mit seinen 29 rosettenförmigen Darstellungen interessiert uns hier besonders: In diesem Teil des Tympanons befinden sich, abwechselnd mit verschiedenen menschlichen Tätigkeiten und Allegorien zum Jahreskreis, die Medaillons der Zeichen des Tierkreises (auf der Abbildung unten sind diese farbig hervorgehoben).
Tympanon von Vézelay mit hervorgehobenem Zodiak
Ein französisches Autorenpaar (G. Audebrand, I. Ravier), das sich dem Studium der traditionellen Astrologie widmet, hat in einem Artikel den Tierkeis von Vézelay auf eine eigenwillige und interessante Weise interpretiert, à la manière guénonienne. Ich will hier nicht im einzelnen auf ihre Arbeit eingehen und werde nur einen wesentlichen Punkt darin aufgreifen. Betrachten wir dafür zuerst einmal das Offensichtliche in der Symbolik dieses speziellen Tierkreises.
Die Anordnung des Tierkreises im Bogen ist auffällig. Er ist hier zweigeteilt in eine aufsteigende und absteigende Hälfte. Über dem Haupt des Christus befinden sich die Zeichen Krebs ♋ und Löwe ♌, — getrennt von drei Medaillons mit einer menschlichen und zwei anthropomorphen Gestalten (von den beiden Autoren werden sie mit dem “Schicksalsrad” in Verbindung gebracht)—, und an den beiden unteren Enden die Zeichen Wassermann ♒ und Steinbock ♑ (beim letzteren wäre das alte Wort Ziegenfisch angebracht). Die Zeichen des Sommers oben, die Zeichen des Winters unten. Durch diese Teilung des Zodiaks kommt der Sonnenwende im Winter und Sommer eine Bedeutung zu, die sich etwas lapidar so erklären liesse:
Der Kreislauf der Sonne ist ein Kreislauf in die Dunkelheit der Unterwelt (das Sterbenmüssen) und in das Lichtreich der Oberwelt (das Geborenwerden).
Um dem nachzugehen , ist ein kleiner Exkurs in das vonnöten, was von den heutigen Vertretern der philosophia perennis gern als “Uroffenbarung” herangezogen wird: der Vedanta. In seiner eschatologischen Lehre wird die “göttliche Reise” des Selbst oder Gottwesens auf direkte Weise mit der Sonnenbahn im Jahrkreis in Verbindung gebracht. Es wird zwischen dem aufsteigenden und absteigenden Lauf der Sonne unterschieden, dem “hellen” und dem “dunklen” Pfad, von denen beiden uns die Baghavadgita (VIII, 23-26) berichtet:
Wann aber zur Nichtwiederkehr der Fromme kommt, sobald er stirbt,
Wann Wiederkehr sein Schicksal bleibt, das will ich nun verkünden dir:
Feuer, Licht, Tag, wachsender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne hoch,
Wenn dann ein Brahmankenner stirbt, dann geht er auch zu Brahman ein.
Rauch und Nacht und schwindender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne tief,
Da geht der Fromme zu dem Licht des Mondes und kehrt einst zurück.
Der helle und der dunkle Pfad, sie sind als ewige bekannt,
Einer führt zur Nichtwiederkehr, auf dem andern kehrt man zurück.
Der aufsteigende Lauf der Sonne ist als sogenannter “Götterweg” überliefert (Devayana). Die Sommerwende ist der Punkt, wo der Aufstieg der Sonne endet und sie “hoch” steht. Hier ist der Ort des Eintritts in den “Himmel”, die “Himmelspforte” (Janua Coeli), wie dieser Ort in der abendländischen Tradition genannt wird. Dass an dieser Stelle die Tierkreiszeichen, Löwe ♌ und Krebs ♋, stehen, ist naheliegend, wenn man bedenkt, dass ihnen die beiden Lichter, Sonne und Mond, zugeschrieben werden. In den Lichtmythen der Religionen spielen sie eine zentrale Rolle. Die “Unbesiegte Sonne” am Himmel, der sol invictus, ist ein Held, der im Kampf gegen die Mächte der Finsternis siegreich hervorgeht. Aber auch der Mond ist ein Held, ein “Grosser Held”, wie er in den babylonischen Hymnen angerufen wird. Das Licht dieser beiden Gestirne ist der Sieg über das Feindliche, es ist das Heil des Menschen.
Dass auch der christlichen Überlieferung nach — wir stehen hier schliesslich in einem christlichen Heiligtum — der Mond und die Sonne “Träger und Bilder eines grossen Mysteriums” sind, weist Hugo Rahner in seiner Schrift “Mysterium Lunae” (in: Symbole der Kirche, Salzburg, 1964, 92f.) nach. ç
Drei Hauptgedanken lassen sich (…) aus der Gedankenfülle der lunaren Kirchentheologie herauslösen, und sie gründen in der vom griechischen Geist erdachten Symbolik des himmlischen Geschehens zwischen Helios und Selene: Selene ist sterbend, zeugend, strahlend. Sterbend in der Finsternis der neumondlichen Begegnung mit dem Bräutigam, mütterlich lebenzeugend in ihrem aus dem Tod des Neumonds emporwachsenden Erleuchtetwerden, strahlend in ihrem immer wieder neu erreichten Vollmondglanz. An der Sichtbarkeit dieses himmlischen Lichtes und seines geheimnisvollen Geschicks, aus der Fülle der von Helios und Selene redenden hellenistischen Weisheit haben die Väter der Kirche ihren Geist entzündet und das in Helios und Selene sich abbildende Mysterium “Gott und Mensch” in seiner christlichen Einmaligkeit, das heisst in dem Mysterium “Christus und Kirche” dargestellt.
Die absteigende Folge des Tierkreises von der Sommerwende hin zur Winterwende ist dann der Abstieg der Sonne in die Nacht und Dunkelheit, der “Ahnenweg”( Pitriyana), wie er in den Veden genannt wird. Am tiefsten Punkt erreicht sie die “Höhlenpforte”, die Janua Inferni. Wir sind jetzt im Reich der Schatten, im Bereich Saturns, des klassischen “Hüters der Schwelle”. So erstaunt es nicht, dass die im Tympanon von Vézelay am unteren Teil des Bogens befindlichen Zeichen Wassermann ♒ und Steinbock ♑ überlieferungsgemäss sein Zuhause sind. Es ist dies die Zeit von Weihnachten, wenn der “periodische Heiland” in der “unteren Welt” neu geboren wird und dem Menschen am nächsten ist. Dann beginnt das Licht zu wachsen. Crescit Lux.
— Sunfoot
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Krebs
244 Tage zuvor
Die beiden gegenläufigen Formen im Tierkreiszeichen Krebs ♋ erinnern, einzeln betrachtet, an Keimlinge.
Ein Keim ist im herkömmlichen Sinn die erste Anlage eines befruchteten Wesens, wie der Keimfleck im Ei. Die beiden Formen im Zeichen ♋ erscheinen denn auch wie zwei Embryone. Es geht hier also um etwas Entstehendes, Werdendes. Das Tierkreiszeichen Krebs ♋ bietet diesem entstehenden Wesen das Substrat; es ist die Fruchthülle, in der dieses sich gleichsam im "Embryonalzustand" befindet; es ist dessen Grund und zugleich dessen Stoff. Kurz: das Tierkreiszeichen Krebs ♋ ist der Ort, wo das Seiende (im individuell kleinen wie im kosmisch grossen) geschöpft wird und aufersteht. Als erstes oder kardinales Zeichen der zodiakalen Wasserdreiheit steht ♋ für die Tiefe und den Grund des Wassers (Guénons "fond des Eaux"), für die "Urwassertiefe", ja vielleicht für den Urgrund schlechthin, wo die Samen neuer Welten herankeimen (siehe den altindischen Mythos vom kosmischen Ei ).
Im Krebs ♋ ist nach einstimmiger Überlieferung der Mond in seinem Domizil; dort ist sein Heim. Es liegt darum nahe die letzte der neun planetarischen Sphären der Alten, den "Himmel des Mondes", mit dem Zeichen Krebs ♋ in Verbindung zu bringen. Dieser letzte "Himmel" aber, unter dem die sublunare, irdische Welt beginnt, ist die "Welt der Formgebung". Guénon setzt sie mit Jezirah, der dritten der vier kabbalistischen Welten, dem Wohnsitz der Engel, gleich. Es ist der Bereich, wo die Formen als Subtilleib gebildet werden, bevor sie ins Dasein kommen. Ist dies nicht auch der Bereich des mundus imaginalis ist, der Imaginalen Welt Henri Corbins, dem alam al-mithal, wo nach Ibn ‘Arabī "der Geist Körper und der Körper Geist wird"? Die Imaginale Welt ist die Welt der Seele und der Seelen. Es ist eine Art Zwischenwelt, deren Funktion "die mittlere und vermittelnde Stellung zwischen der intelligiblen und der sinnenfälligen Welt" ist.
Im Keimling formt sich ein neues Wesen. Dieses Wesen aber ist noch nicht in corpore sondern erst als Bild vorhanden, als Geistleib. Dessen "Keimgrund" aber — um in der Sprache Corbins zu bleiben — ist die Himmelserde.
(Guénon, René: L’hiéroglyphe du Cancer. Voile d’Isis, 1931)
— Sunfoot
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