Astrologie als Esoterik

228 Tage zuvor

Es ist das Dilemma der modernen Astrologie, dass ihr zum einen, aufgrund ihrer klassisch-mechanistischen Methode, der Nimbus einer alten "Naturwissenschaft" anhaftet und sie zum anderen einen festen, wenn nicht schon fast zentralen Platz im gesellschaftlichen Diskurs rund um den inflationären Begriff "Esoterik" hat. Einerseits verlockt der naturwissenschaftliche Nimbus die Astrologen dazu, noch dem kleinsten Asteroiden und Planetoiden einen "kosmischen" und "symbolischen" Sinn abzuringen und so die Nähe einer Wissenschaft aufzusuchen, von der sie selbst doch mit Vehemenz ausgegrenzt werden, im Sinne einer partnerschaftlichen Kollusion ohne Ausgang. Andererseits ist sich die Astrologie bewusst, dass sie selbst keine Wissenschaft im modernen Sinne des Wortes sein kann, wie Niehenke das richtig sieht (in: Astrologie, ein altes Menscheitswissen). Man könnte die Astrologie vielleicht als "Vor-Wissenschaft" bezeichnen oder eben als "esoterische Wissenschaft", wenn letztere Bezeichnung nicht an und für sich schon wieder widersprüchlich wäre. Das Dilemma löst sich, wenn sich die Astrologie von ihrer Nähe zur Naturwissenschaft verabschiedet und den Standpunkt reiner Esoterik einnimmt.

Man kann den Begriff "Esoterik" auslegen wie man will, als breit angelegte, wild wuchernde kulturelle Erzählung oder als klar definierte Denkform: die Astrologie nimmt einen gewichtigen Teil in diesem Diskurs ein. Er besticht zuweilen durch grosse intellektuelle Redlichkeit und Hingabe, fällt aber auch immer wieder in eine mehr oder weniger undifferenzierte Teilnahme an der gewaltigen mythischen Überlieferung, die zuweilen bizarre Blüten treibt und oft zum sinnentleerten Marktgeschrei verkommt. (Was mich betrifft, so nehme ich Teil an den verschiedenen Formen des Diskurses, werde aber zumindest das letztere (!) in meinem Blog vermeiden.)

PS: Wer die Astrologie als Esoterik beschreiben will, tut gut daran, sie an den sechs Kriterien zu prüfen, wie sie Antoine Faivre in seiner methodischen Annäherung an die abendländische Esoterik aufgestellt hat. Ich werde in einem weiteren Post auf das sogenannte Faivre-Paradigma eingehen und es mit der Astrologie in Beziehung setzen.

Sunfoot

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S-Strahlung! Vorsicht!

251 Tage zuvor

S-Strahlung nennt Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider in seiner Kontroverse mit dem Astrologen Niehenke die sogenannte "Schicksalsstrahlung". Schicksalsstrahlung? Wer von der  S-Strahlung noch nicht gehört hat, für den sei Kanitscheiders aufklärender Beitrag zur Lektüre empfohlen. Der Professor geht als staatsbeauftragter Philosoph der geistigen Wirkung von Neutrinos und anderen Partikularteilchen der Materie  nach. Er nennt diese Teilchen denn auch "Propagatorteilchen" der — und hier wird er genauer: — spirituellen (!) S-Strahlung. Wer aufmerksam ist, merkt:  der Mann versteht was von subtiler Ironie. Wie reagiert der Astrologe Niehenke auf diesen Jux? — Gelassen. Aber man spürt dessen Irritation über die argumentative Jonglierei des Gegners. Kanitscheider ist weniger ein kritischer Rationalist als ein Sophist.

Sunfoot

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