Krebs

102 Tage zuvor

Die Gestalt der beiden gegenläufigen, embryonenhaften Formen im Symbol für das Tierkreiszeichen Krebs findet sich in einer Ligatur des Sanskrit für das bekannte einsilbige OM-Mantra der östlichen Tradition wieder.1

Das Schriftzeichen wie die Klanggestalt2 dieses Mantras, das seinem Laut entsprechend auch als AUM wiedergegeben wird, ist in drei Teile gegliedert. Da ist einmal das A als langer Anlautsvokal, (in der Schrift des Sanskrit mit wiedergegeben), und da ist der Schlusslaut als ein Punkt , bei dem es sich eigentlich nicht um ein M, sondern um eine ausschwingende Nasalierung des vorgehenden Vokals handelt. Zu diesen beiden Teilen des Schriftzeichen gesellt sich ein spiralförmiger Strich, der die Ligatur mitprägt. Er steht in den indischen Schriften für den Vokal U.

Dieses Zeichen ist mit der Form des Keimlings im Zeichen Krebs verwandt. Auffällig ist bei beiden Formen das sich einrollende, spiralförmige Ende. Tatsächlich steht der Keimling des Krebs und die Silbenmitte (U) des Mantras für einen Zustand im Stadium der “Einwicklung” bzw. “Entwicklung”. Es ist ein Zwischenzustand: ein Übergang zwischen der sinnenfälligen unteren Welt und der intelligiblen oberen Welt. Es ist der “Traumzustand” (taijasa) bzw. der Bereich der “imaginalen” Formen ( mundus imaginalis). So wie der Keimling das erst “virtuell” vorhandene, noch nicht manifeste Wesen zwischen “Konzeption” und “Geburt” symbolisiert, so steht die Silbenmitte des Mantras für den (in gewisser Weise umgekehrten, hinduistischen) Weg vom offenbarten Sein (A) zu dessen Zielursache (dem dimensionslosen, metaphysischen Punkt als Urgrund allen Seins).3

Wie gesagt werden die “Keimlinge” im Zeichen Krebs doppelt und zwar im gegenläufigen Sinn dargestellt, so dass ein Kreis mit zwei komplementären Formen entsteht. Dies entstpricht dem Yin-Yang , einem Symbol der der fernöstlichen Tradition, das die beiden Formen auf gleiche Weise wie das Zeichen Krebs vereint. Es handelt sich dabei um ein Symbol der Zyklik, das heisst, es steht für die Wechsel im zeitlichen Kreislauf mit Phasen der Vorherrschaft von yin (Winter, Dunkelheit) bzw. yang (Sommer, Licht). Es steht auch für die Symbolik der “Hemisphären” (wie die in verschiedenen Kulturkreisen auftretende Doppelspirale). Die Kugelgestalt (das “Weltei”) entspricht dem Sein in seiner vollkommenen Fülle, in dem die beiden Keimlinge ihren Ursprung haben, unterschieden in männlich und weiblich, aber noch nicht getrennt.

Wie das Tierkeiszeichen Krebs dem “Wasser” angehört, so auch die Muschel (shankha). Nach der indischen Tradtion bewahrt sie während der endzeitlichen Auflösung der Welt (pralaya) in ihrem Innern die Keime eines neuen Weltzyklus. Sie umschliesst den “unzerstörbaren” Urklang (akshara), den Einsilber OM, der sich am Anfang jedes Zyklus neu offenbart.4
Auch hier findet sich eine symbolische Entsprechung zum Keimling im Tierkreiszeichen Krebs: die gerade Linie (A)5 bedeckt und schliesst (U) die Muschel, die in ihrem Innern den Punkt (M) als Urgrund und Ausgangspunkt allen Seins enthält. Gleichzeitig aber versinndbildlicht die gerade Linie in ihrer horizontalen Ausrichtung die “Oberfläche der Wasser” als Grundlage für die Entwicklung der Keimlinge (das Aufblühen der Lotusblume) am Ende der zeitlichen Finsternis zwischen zwei Zyklen.

Von den beiden Stellungen der Muschel, die sich in den beiden Hälften des Symbols Krebs finden, entspricht die untere der Arche von Noah (oder der von Satyavrata in der hinduistischen Tradition) und enthält in ihrem Innern den Punkt, in dem sich alle Wesen im Zustand völliger Einfaltung zusammenfinden. Die andere Stellung ist im Regenbogen symbolisiert, der im Augenblick der Wiederherstellung der Ordnung und Erneuerung aller Dinge in der “Wolke”, dass heisst, im Bereich der Oberen Wasser erscheint. Die Arche hingegen schwimmt während der Flut auf den Unteren Wasser. Der untere Halbkreis als Arche und der obere Halbkreis als Regenbogen bilden für sich eine einzige kreisförmige Figur und sind zusammen ein Sinnbild für die Wiederherstellung des Ursprungs: als ganzer Umkreis ist es der vertikale Schnitt durch die ursprüngliche Kugelgestalt, während der horizontale Schnitt die kreisförmige Umfriedung des irdischen Paradies zeigt.

(Quelle: Guénon, René: L’hiéroglyphe du Cancer. Voile d’Isis, 1931)

1 Falls die Glyphe im Unicode (U+0950) nicht zu sehen ist, so ist ihr Browser nicht auf dem neuesten Stand und kann den Unicode-Satz der Devanagari-Schrift nicht darstellen. In diesem Fall schauen sie in den Artikel AUM der Wikipedia.

2 Zum Klang und zur Meditation des Mantras siehe wieobensounten.de

3 Die Gestalt und der Klang der Silbe ist ein Symbol für die mystische Einheit von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung des Seins; sie ist ist eine Versinnbildllichung oder Versinnlichung der trimurti (Brahma-Vishnu-Shiva).

4 vgl. den Prolog im Johannes-Evangelium: “Am Anfang war das Wort …”

5 Der Vokal A wird im Sanskrit auch als gerade Linie wiedergegeben.

Sunfoot

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Krebs

231 Tage zuvor

Die beiden gegenläufigen Formen im Tierkreiszeichen Krebs ♋ erinnern, einzeln betrachtet, an Keimlinge.

Ein Keim ist im herkömmlichen Sinn die erste Anlage eines befruchteten Wesens, wie der Keimfleck im Ei. Die beiden Formen im Zeichen ♋ erscheinen denn auch wie zwei Embryone. Es geht hier also um etwas Entstehendes, Werdendes. Das Tierkreiszeichen Krebs ♋ bietet diesem entstehenden Wesen das Substrat; es ist die Fruchthülle, in der dieses sich gleichsam im "Embryonalzustand"  befindet;  es ist dessen Grund und zugleich dessen Stoff. Kurz: das Tierkreiszeichen Krebs ♋ ist der Ort, wo das Seiende (im individuell kleinen wie im kosmisch grossen) geschöpft wird und aufersteht. Als erstes oder kardinales Zeichen der zodiakalen Wasserdreiheit steht ♋ für die Tiefe und den Grund des Wassers (Guénons "fond des Eaux"), für die "Urwassertiefe", ja vielleicht für den  Urgrund schlechthin,  wo die Samen neuer Welten herankeimen (siehe den altindischen Mythos vom kosmischen Ei ).

Im Krebs ♋ ist nach einstimmiger Überlieferung der Mond in seinem Domizil; dort ist sein Heim. Es liegt darum nahe die letzte der neun planetarischen Sphären der Alten, den "Himmel des Mondes", mit dem Zeichen Krebs ♋ in Verbindung zu bringen. Dieser letzte "Himmel" aber, unter dem die sublunare, irdische Welt beginnt, ist die "Welt der Formgebung". Guénon setzt sie mit Jezirah, der dritten der vier kabbalistischen Welten, dem Wohnsitz der Engel, gleich. Es ist der Bereich, wo die Formen als Subtilleib gebildet werden, bevor sie ins Dasein kommen. Ist dies nicht auch der Bereich des mundus imaginalis ist, der Imaginalen Welt Henri Corbins,  dem  alam al-mithal, wo nach Ibn ‘Arabī "der Geist Körper und der Körper Geist wird"? Die Imaginale Welt ist die Welt der Seele und der Seelen. Es ist eine Art Zwischenwelt, deren Funktion "die mittlere und vermittelnde Stellung zwischen der intelligiblen und der sinnenfälligen Welt" ist.

Im Keimling formt sich ein neues Wesen. Dieses Wesen aber ist noch nicht in corpore sondern erst als Bild vorhanden,  als Geistleib. Dessen "Keimgrund" aber  — um in  der Sprache Corbins zu bleiben — ist die Himmelserde.

(Guénon, René: L’hiéroglyphe du Cancer. Voile d’Isis, 1931)

Sunfoot

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