Das Faivre-Paradigma und die Astrologie (1)

225 Tage zuvor

Das erste Kriterium einer esoterischen Denkform ist, nach Faivres Methode, der Grundgedanke der universalen Entsprechung(“correspondance”) der Dinge. Zwischen allen Teilen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt existieren symbolische Verbindungen, die – wie Faivre betont – als wirklich (“bien réelles”) betrachtet werden. Er zitiert die wohlbekannte Formel des Hermes Trismegistos (“wie oben so unten, wie unten so oben”) und fährt fort:

Man findet hier die uralte Idee des Mikrokosmos und Makrokosmos wieder, oder, wenn man so will, das Prinzip der universalen Wechselbeziehungen. Man hält dafür, dass diese Korrespondenzen auf den ersten Blick mehr oder weniger verborgen bleiben und folglich dazu bestimmt sind, gelesen und entziffert zu werden. Das gesamte Universum ist ein einziger grosser Schauplatz der wechselseitigen Abspiegelung, eine Welt von Hieroglyphen, die uns zur Entschlüsselung aufgegeben sind. Alles ist Zeichen, nichts gibt es, das nicht ein Mysterium in sich beschlösse oder eine Vorahnung davon erweckte. Ein jeder Gegenstand birgt ein Geheimnis in sich” (Antoine Faivre: Esoterik im Überblick, Freiburg 2001, S.24)

Faivre weist selbst auf die Bedeutung hin, die der Astrologie bei dieser Komponente esoterischen Denkens zukommt. Denn die Lehre der Entsprechung ist nicht nur für die Esoterik im ganzen, sondern gerade auch für die Astrologie fundamental. Der Grund dazu liegt nahe. Die Formel der Tabula Smaragdina ist — wie Valentin Tomberg in seinen Meditiationen zum Tarot hervorhebt — die “Formel der Analogie, für alles was im Raum existiert”. Die ihr innewohnende topologische Symbolik, die “Entsprechungen zwischen den Urbildern oben und ihren Manifestationen unten”, scheint wie für die Astrologie geschaffen zu sein. Die kleine Welt auf Erden ist ein Spiegel der grossen Welt im Himmel.

Die Formel aus der Tabula Smaragdina wird oft nicht zu Ende zitiert. Das Oben wird mit dem Unten in ein Verhältnis gesetzt, um – wie es abschliessend heisst – “das Wunder der Einheit zu vollbringen”, “ad perpetrando miracula Rei Unius”. Für das Verständnis der Lehre der Entsprechung ist das nicht unwesentlich, denn offenbar liegt deren Finalität darin, die Grundeinheit der Welt in ihrer Mannigfaltigket aufzuzeigen. Und genau das ist der anagogische Sinn jedes Symbols, seine “aufschliessende Kraft” (Goethe). Jedes Symbol zielt letztendlich auf das “Eine”, wie immer man auch diese Einheit nennen mag: Urgrund, Gott … Denn wie gesagt: die Entsprechungen sind symbolisch zu verstehen. Sie sind im eigentlichen Sinn des Wortes “sinnbildlich” d.h. sinn-bildend, sinn-stiftend, und das ist wohl auch der Grund, warum Faivre auf ihre “Wirklichkeit” verweist (“bien réelles”). Aus dem Grundgedanken einer allseitigen Entsprechung heraus kann jedes Ding in ein Verhältnis zu einer höheren Ebene gesetzt werden, das heisst die höhere Ebene ist im Ding “symbolisiert”: der Planet Mars ist ein “Himmelskörper” im naturwissenschaftlichen Sinne, aber er ist auch Hinweis auf eine höhere Instanz und zugleich ihr Ausdruck (wobei “Ausdruck” in keinem Fall mit “Einfluss” gleichgesetzt werden darf: der kausale Irrtum der modernen Schule der wissenschaftlichen Astrologie).

Man kann sich fragen, warum im Mittelalter die Astrologie nicht als Esoterik betrachtet wurde, sondern im Gegenteil als “Königin der Wissenschaft”, als “natürliche Theologie”, ihren festen Platz neben der Mathematik, Medizin und Philosophie hatte. Die Antwort fällt leicht, wenn man bedenkt, dass der Grundgedanke der universalen Entsprechung, die analoge Denkform, nicht nur ein esoterisches Prinzip ist, sondern gerade auch in der Theologie, spekulativen Philosophie und Metaphysik des Mittelalters ihren Platz und ihre Anwedung hatte. An der Formel “wie oben so unten” wurde noch nicht gezweifelt. Der Raum war noch nicht absolut gesetzt, leer, und musste noch nicht mit absurden “planetarischen Strahlungen” gefüllt werden.

Die Astrologie hat in diesem ersten Faivre’schen Kriterium seine Grundlage. Aber da im Vergleich zur heutigen Theologie und Philosophie (ganz zu schweigen von der Naturwissenschaft) allein die moderne Astrologie als hermetisch-esoterische Disziplin betrachtet wird, muss sie wohl noch weitere Kriterien des Faivre-Paradigma erfüllen. Bis auf weiteres …

Sunfoot

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Astrologie als Esoterik

228 Tage zuvor

Es ist das Dilemma der modernen Astrologie, dass ihr zum einen, aufgrund ihrer klassisch-mechanistischen Methode, der Nimbus einer alten "Naturwissenschaft" anhaftet und sie zum anderen einen festen, wenn nicht schon fast zentralen Platz im gesellschaftlichen Diskurs rund um den inflationären Begriff "Esoterik" hat. Einerseits verlockt der naturwissenschaftliche Nimbus die Astrologen dazu, noch dem kleinsten Asteroiden und Planetoiden einen "kosmischen" und "symbolischen" Sinn abzuringen und so die Nähe einer Wissenschaft aufzusuchen, von der sie selbst doch mit Vehemenz ausgegrenzt werden, im Sinne einer partnerschaftlichen Kollusion ohne Ausgang. Andererseits ist sich die Astrologie bewusst, dass sie selbst keine Wissenschaft im modernen Sinne des Wortes sein kann, wie Niehenke das richtig sieht (in: Astrologie, ein altes Menscheitswissen). Man könnte die Astrologie vielleicht als "Vor-Wissenschaft" bezeichnen oder eben als "esoterische Wissenschaft", wenn letztere Bezeichnung nicht an und für sich schon wieder widersprüchlich wäre. Das Dilemma löst sich, wenn sich die Astrologie von ihrer Nähe zur Naturwissenschaft verabschiedet und den Standpunkt reiner Esoterik einnimmt.

Man kann den Begriff "Esoterik" auslegen wie man will, als breit angelegte, wild wuchernde kulturelle Erzählung oder als klar definierte Denkform: die Astrologie nimmt einen gewichtigen Teil in diesem Diskurs ein. Er besticht zuweilen durch grosse intellektuelle Redlichkeit und Hingabe, fällt aber auch immer wieder in eine mehr oder weniger undifferenzierte Teilnahme an der gewaltigen mythischen Überlieferung, die zuweilen bizarre Blüten treibt und oft zum sinnentleerten Marktgeschrei verkommt. (Was mich betrifft, so nehme ich Teil an den verschiedenen Formen des Diskurses, werde aber zumindest das letztere (!) in meinem Blog vermeiden.)

PS: Wer die Astrologie als Esoterik beschreiben will, tut gut daran, sie an den sechs Kriterien zu prüfen, wie sie Antoine Faivre in seiner methodischen Annäherung an die abendländische Esoterik aufgestellt hat. Ich werde in einem weiteren Post auf das sogenannte Faivre-Paradigma eingehen und es mit der Astrologie in Beziehung setzen.

Sunfoot

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