Der Zodiak von Vézelay

236 Tage zuvor

Die gotischen Kathedralen und die Kirchenbauten der Romanik sind bekannt für ihre reiche Symbolik, die neben der reinen Verkündigung der christlichen Heilslehre auch den mythischen Fluss der “weltlichen” Überlieferung berücksichtigt, unter anderem die Astrologie. Ein Beispiel bietet uns ein bedeutendes Werk romanischer Bildhauerkunst: das Tympanon der Basilika St. Madeleine von Vézelay im Burgund.

Christus in der Mitte spendet mit ausgebreiteten Händen den Jüngern auf seinen beiden Seiten den Segen. Es ist dies die Darstellung des “Pfingstwunders”. Rund um diese Szene befindet sich eine erste Bogenrundung von kleineren Figuren in acht Gruppen (die oberste um das Haupt Christi — nur nebenbei — von hundsköpfiger Gestalt): es sind dies die Völkerschaften, denen von den Aposteln das Evangelium verkündet wird. Der nächste Bogen aber mit seinen 29 rosettenförmigen Darstellungen interessiert uns hier besonders: In diesem Teil des Tympanons befinden sich, abwechselnd mit verschiedenen menschlichen Tätigkeiten und Allegorien zum Jahreskreis, die Medaillons der Zeichen des Tierkreises (auf der Abbildung unten sind diese farbig hervorgehoben).

Tympanon von Vézelay mit hervorgehobenem Zodiak
Tympanon von Vézelay mit hervorgehobenem Zodiak

Ein französisches Autorenpaar (G. Audebrand, I. Ravier), das sich dem Studium der traditionellen Astrologie widmet, hat in einem Artikel den Tierkeis von Vézelay auf eine eigenwillige und interessante Weise interpretiert, à la manière guénonienne. Ich will hier nicht im einzelnen auf ihre Arbeit eingehen und werde nur einen wesentlichen Punkt darin aufgreifen. Betrachten wir dafür zuerst einmal das Offensichtliche in der Symbolik dieses speziellen Tierkreises.

Die Anordnung des Tierkreises im Bogen ist auffällig. Er ist hier zweigeteilt in eine aufsteigende und absteigende Hälfte. Über dem Haupt des Christus befinden sich die Zeichen Krebs ♋ und Löwe ♌, — getrennt von drei Medaillons mit einer menschlichen und zwei anthropomorphen Gestalten (von den beiden Autoren werden sie mit dem “Schicksalsrad” in Verbindung gebracht)—, und an den beiden unteren Enden die Zeichen Wassermann ♒ und Steinbock ♑ (beim letzteren wäre das alte Wort Ziegenfisch angebracht). Die Zeichen des Sommers oben, die Zeichen des Winters unten. Durch diese Teilung des Zodiaks kommt der Sonnenwende im Winter und Sommer eine Bedeutung zu, die sich etwas lapidar so erklären liesse:

Der Kreislauf der Sonne ist ein Kreislauf in die Dunkelheit der Unterwelt (das Sterbenmüssen) und in das Lichtreich der Oberwelt (das Geborenwerden).

Um dem nachzugehen , ist ein kleiner Exkurs in das vonnöten, was von den heutigen Vertretern der philosophia perennis gern als “Uroffenbarung” herangezogen wird: der Vedanta. In seiner eschatologischen Lehre wird die “göttliche Reise” des Selbst oder Gottwesens auf direkte Weise mit der Sonnenbahn im Jahrkreis in Verbindung gebracht. Es wird zwischen dem aufsteigenden und absteigenden Lauf der Sonne unterschieden, dem “hellen” und dem “dunklen” Pfad, von denen beiden uns die Baghavadgita (VIII, 23-26) berichtet:

Wann aber zur Nichtwiederkehr der Fromme kommt, sobald er stirbt,
Wann Wiederkehr sein Schicksal bleibt, das will ich nun verkünden dir:
Feuer, Licht, Tag, wachsender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne hoch,
Wenn dann ein Brahmankenner stirbt, dann geht er auch zu Brahman ein.
Rauch und Nacht und schwindender Mond, das Halbjahr, wo die Sonne tief,
Da geht der Fromme zu dem Licht des Mondes und kehrt einst zurück.
Der helle und der dunkle Pfad, sie sind als ewige bekannt,
Einer führt zur Nichtwiederkehr, auf dem andern kehrt man zurück.

Der aufsteigende Lauf der Sonne ist als sogenannter “Götterweg” überliefert (Devayana). Die Sommerwende ist der Punkt, wo der Aufstieg der Sonne endet und sie “hoch” steht. Hier ist der Ort des Eintritts in den “Himmel”, die “Himmelspforte” (Janua Coeli), wie dieser Ort in der abendländischen Tradition genannt wird. Dass an dieser Stelle die Tierkreiszeichen, Löwe ♌ und Krebs ♋, stehen, ist naheliegend, wenn man bedenkt, dass ihnen die beiden Lichter, Sonne und Mond, zugeschrieben werden. In den Lichtmythen der Religionen spielen sie eine zentrale Rolle. Die “Unbesiegte Sonne” am Himmel, der sol invictus, ist ein Held, der im Kampf gegen die Mächte der Finsternis siegreich hervorgeht. Aber auch der Mond ist ein Held, ein “Grosser Held”, wie er in den babylonischen Hymnen angerufen wird. Das Licht dieser beiden Gestirne ist der Sieg über das Feindliche, es ist das Heil des Menschen.
Dass auch der christlichen Überlieferung nach — wir stehen hier schliesslich in einem christlichen Heiligtum — der Mond und die Sonne “Träger und Bilder eines grossen Mysteriums” sind, weist Hugo Rahner in seiner Schrift “Mysterium Lunae” (in: Symbole der Kirche, Salzburg, 1964, 92f.) nach. ç

Drei Hauptgedanken lassen sich (…) aus der Gedankenfülle der lunaren Kirchentheologie herauslösen, und sie gründen in der vom griechischen Geist erdachten Symbolik des himmlischen Geschehens zwischen Helios und Selene: Selene ist sterbend, zeugend, strahlend. Sterbend in der Finsternis der neumondlichen Begegnung mit dem Bräutigam, mütterlich lebenzeugend in ihrem aus dem Tod des Neumonds emporwachsenden Erleuchtetwerden, strahlend in ihrem immer wieder neu erreichten Vollmondglanz. An der Sichtbarkeit dieses himmlischen Lichtes und seines geheimnisvollen Geschicks, aus der Fülle der von Helios und Selene redenden hellenistischen Weisheit haben die Väter der Kirche ihren Geist entzündet und das in Helios und Selene sich abbildende Mysterium “Gott und Mensch” in seiner christlichen Einmaligkeit, das heisst in dem Mysterium “Christus und Kirche” dargestellt.

Die absteigende Folge des Tierkreises von der Sommerwende hin zur Winterwende ist dann der Abstieg der Sonne in die Nacht und Dunkelheit, der “Ahnenweg”( Pitriyana), wie er in den Veden genannt wird. Am tiefsten Punkt erreicht sie die “Höhlenpforte”, die Janua Inferni. Wir sind jetzt im Reich der Schatten, im Bereich Saturns, des klassischen “Hüters der Schwelle”. So erstaunt es nicht, dass die im Tympanon von Vézelay am unteren Teil des Bogens befindlichen Zeichen Wassermann ♒ und Steinbock ♑ überlieferungsgemäss sein Zuhause sind. Es ist dies die Zeit von Weihnachten, wenn der “periodische Heiland” in der “unteren Welt” neu geboren wird und dem Menschen am nächsten ist. Dann beginnt das Licht zu wachsen. Crescit Lux.

Sunfoot

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Krebs

244 Tage zuvor

Die beiden gegenläufigen Formen im Tierkreiszeichen Krebs ♋ erinnern, einzeln betrachtet, an Keimlinge.

Ein Keim ist im herkömmlichen Sinn die erste Anlage eines befruchteten Wesens, wie der Keimfleck im Ei. Die beiden Formen im Zeichen ♋ erscheinen denn auch wie zwei Embryone. Es geht hier also um etwas Entstehendes, Werdendes. Das Tierkreiszeichen Krebs ♋ bietet diesem entstehenden Wesen das Substrat; es ist die Fruchthülle, in der dieses sich gleichsam im "Embryonalzustand"  befindet;  es ist dessen Grund und zugleich dessen Stoff. Kurz: das Tierkreiszeichen Krebs ♋ ist der Ort, wo das Seiende (im individuell kleinen wie im kosmisch grossen) geschöpft wird und aufersteht. Als erstes oder kardinales Zeichen der zodiakalen Wasserdreiheit steht ♋ für die Tiefe und den Grund des Wassers (Guénons "fond des Eaux"), für die "Urwassertiefe", ja vielleicht für den  Urgrund schlechthin,  wo die Samen neuer Welten herankeimen (siehe den altindischen Mythos vom kosmischen Ei ).

Im Krebs ♋ ist nach einstimmiger Überlieferung der Mond in seinem Domizil; dort ist sein Heim. Es liegt darum nahe die letzte der neun planetarischen Sphären der Alten, den "Himmel des Mondes", mit dem Zeichen Krebs ♋ in Verbindung zu bringen. Dieser letzte "Himmel" aber, unter dem die sublunare, irdische Welt beginnt, ist die "Welt der Formgebung". Guénon setzt sie mit Jezirah, der dritten der vier kabbalistischen Welten, dem Wohnsitz der Engel, gleich. Es ist der Bereich, wo die Formen als Subtilleib gebildet werden, bevor sie ins Dasein kommen. Ist dies nicht auch der Bereich des mundus imaginalis ist, der Imaginalen Welt Henri Corbins,  dem  alam al-mithal, wo nach Ibn ‘Arabī "der Geist Körper und der Körper Geist wird"? Die Imaginale Welt ist die Welt der Seele und der Seelen. Es ist eine Art Zwischenwelt, deren Funktion "die mittlere und vermittelnde Stellung zwischen der intelligiblen und der sinnenfälligen Welt" ist.

Im Keimling formt sich ein neues Wesen. Dieses Wesen aber ist noch nicht in corpore sondern erst als Bild vorhanden,  als Geistleib. Dessen "Keimgrund" aber  — um in  der Sprache Corbins zu bleiben — ist die Himmelserde.

(Guénon, René: L’hiéroglyphe du Cancer. Voile d’Isis, 1931)

Sunfoot

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