“Der Mensch wird einmal geboren; ich wurde mehrmals geboren.” (Rūmī)
“Bei Gotte werden nur die Götter angenommen.“ (Angelus Silesius)
“Die Befreiung kommt den Göttern zu, nicht den Menschen.” (Gebhart-Lestrange)
Ātmety evopāsitā, atra hy ete sarva ekam bhavanti. (BU 1.4.7)
N’atthi koci satto yo imaṃḥa kaya anyaṃ kayaṃ saṇkamati. (Mil 72, cf. 46)
I.
Shankaras Ausspruch, “Wahrlich, es gibt keinen anderen Seelenwanderer ausser dem Herrn” (satyaṃ neśvarād anyaḥ saṃsārī) , mag zwar auf den ersten Blick überraschend erscheinen, weil er die Wiederverkörperung individueller Wesenheiten verneint; er wird aber von den älteren, ja von den ältesten religiösen Texten umfassend untermauert und ist keineswegs eine ausschließlich indische Auffassung. Denn Platon denkt nicht an eine Einzelseele, wenn er sagt: “Die Seele des Menschen ist unsterblich; abwechselnd scheidet sie ab, was man dann sterben nennt, und lebt dann wieder auf, zugrunde aber geht sie niemals … und nachdem sie oft wiedererstanden ist, hat sie die Erkenntnis aller Dinge gewonnen”; so auch Plotin, wenn bei ihm steht: “Jene Zurückführung aller Wesen auf das Eine hat wirklich nichts Befremdliches an sich; gleichwohl mag man sich fragen, wie nur das Eine, als das Selbe in vielem, sein kann, da es ja an allem teilhat, sich jedoch nie teilt”; und auch Hermes sagt: “Er, der all diese Dinge tut, ist einer”, und bezeichnet Ihn als “körperlos und im Besitze vieler Körper, oder vielmehr in allen Körpern anwesend”
Der “Herr”, von dem Shankara spricht, ist selbstverständlich das erhabene Sonnen-Selbst, Ātman, Brahman, Indra, “aller Geschöpfe Oberherr, aller Geschöpfe König”, dessen Allförmigkeit zeitlos ist und dessen Allgegenwart uns zu verstehen gibt, daß er allwissend (sarvānubhūh, BU II.5.15,19, vgl. IV.4.22 und AA XIII) sein muß; er ist der Tod und der Lebensodem, die göttliche Person in der Sonne, “einer als Person dort, und mannigfaltig hier in seinen Kindern”, bei dessen Hinscheiden “wir” sterben (SB X.5.2.13,16); das Sonnen-Selbst oder alles, was sich in Bewegung oder in Ruhe befindet (RV I.115.1); unser unsterbliches Selbst und unser innerer Lenker, “ohne den es es keinen Seher, keinen Hörer, keinen Denker, keinen Erkenner gibt” (BU III.7.23, III.8.11); der sonnenhafte Indra, von dem gesagt wird, jeder, der spreche, höre, denke usw., tue das durch seinen Strahl (JUB I.28,29); Brahman, von dem gesagt wird, unsere verschiedenen Gaben seien “lediglich die Namen seiner Taten” (BU I.4,7, vgl. I.5.21); das Selbst, dem alles Wirken entstammt (BU I.6.3; 5 BG III.15); das Selbst, das alles weiß (MU VI.7).
Ob als Surya, Savitri, Ātman, Brahma, Agni, Prajāpati, Indra, Vāyu oder madhyama Prāṇa – yādrg eva dadṛśe tādṛg ucyate (RV V.44.6) – ist dieser Herr im Innern des Herzens unser Beweger, Lenker und Antreiber (īritaḥ, codayitṛ, kārayitṛ) und der Ursprung des vergänglichen Bewusstseins (cetana = saṃjñāna), das mit unserer Geburt anfängt und mit unserem Tod endet (MU II.6d, III.3). Wir tun nichts von uns aus und sind lediglich sein Gefährt und sein Werkzeug (wie, passim, bei Philo).
Dieser “höhere” (para) Brahman ist das “Eine, das Grosse Selbst, das in Schoss für Schoss Platz nimmt (yo yoniṃ yonim ashitiṣṭhati ekaḥ … mahātmā) … als der allförmige Herr des Atems (viśvarūpah prāṇādhipaḥ) wandert er (saṃcarati = saṃsarati) seinen Handlungen gemäss umher, an deren Erfüllung er sich erfreut (upabhoktṛ); wenn er mit Empfänglichkeit und der Vorstellung “Ich bin” verbunden wird, nennt man ihn den “niederen” (apara) Brahman … Weder männlich noch weiblich noch sächlich, ist er mit jedem Körper verbunden (yujyate), welchen auch immer er annimmt: durch den Wahn von Begriff, Berührung und Sicht wird das Selbst geboren und wächst im Regen von Speis und Trank heran: das verkörperte Selbst (dehī) nimmt auf seinen Aufenthalten nach fester Ordnung zweckmässige Formen an (karmāṇugāny anukrameṇa dehī sthāneṣu rupāṇy abhisampadyate) und wegen der Vereinigung mit den Beschaffenheiten, sowohl seiner eigenen wie auch jener der Handlung scheint er ein ‘Anderer’ zu sein (teṣām saṃyogahetur aparo ‘pi dṛṣṭaḥ, SvetUp. V.1-13, abgekürzt).
Dieser umherziehende – transmigrierende – “Herr des Atems” ist der Odem (prāṇa), “der erhabenste (vasistha BU 6,1,14) Brahman, Prajāpati, derjenige, der sich fünf- und vielfältig teilt, um den Körper zu stützen und zu tragen, seine Kinder zu erwecken und diese Welten zu füllen (PrasUp. II.3; MU II.6, II.26), und der doch in den geteilten Dingen ungeteilt bleibt (BG XIII.16, XVIII.20). Zu ihm, Prajāpati, wird gesagt: “Du bist es, Du selbst, der ‘zurückgeboren’ (pratijāyase) wird, Dir zollen alle Deine Kinder (prajāḥ = raśmayah, prānāh, devāḥ, bhūtāni) Tribut (baliṃ haranti), O Atem” (PrasUp, II.7). Durch Prajāpati wird dieser unserer Körper in Besitz des Bewusstseins (cetanāvat) gebracht, wobei er dessen Lenker ist, der von Körper zu Körper schreitet (pratiśarīreṣu carati) und von der hellen und dunklen Frucht seiner Handlungen unüberwunden bleibt, oder besser jener Handlungen, von denen er, als unser Innerer Mensch(antaḥ puruśa), vielmehr Anreger (kārayitṛ) und Zuschauer (prekṣaka) als Ausführender ist (MU II.6–III.3). Dieser Prajāpati ist gleichfalls “der göttliche Atem, der, ob er umherwandelt oder nicht (saṃcaraṇś cāsaṃcaraṇś ca), weder Schaden erleidet noch in Not gerät, und dem alle Wesen dienen”, und im Hinblick auf ihn wird weiter gesagt, “was immer auch seine Kinder erleiden mögen, das betrifft sie allein; einzig Gutes geht ihn an, Böses dringt nicht zu den Göttern empor” (BU I.5.20).
Auf diese Weise wird dieser Eine, dessen viele Namen erwähnt wurden, allenthalben geboren und wiedergeboren. “Unsichtbar bewegt sich Prajāpati im Schoss (carati garbhe antaḥ) und wird mannigfach wiedergeboren (bahudha vi jayate)” (AV X.8.13, vgl. MundUp. II.2.69): “Die Person atmet aus und atmet ein im Schoss, und ist dann aufs neue geboren, wenn Du, O Atem, Leben spendest” (AV XI,4,14, vgl, JUB III.8.10–IX.1): “Du allein, Sonne, wirst in der ganzen Welt herum geboren (eko viśvam pari bhūma jāyase)” (AV XIII.2.3): “Der Eine, dem Denken und Gemüte innewohnende Gott, vor alters wurde er geboren und befindet sich auch jetzt gerade im Schoss .” (AV X.8.28 = JUB III.10.12). Man könnte ausführlich ähnliche Textstellen zitieren, vorläufig aber genügt es, die Bedeutung der Tatsache zu berücksichtigen, dass es immer Einer ist, der verschiendenartig und wiederkehrend geboren wird: Er, das heisst, derjenige, der “ungeteilt ist, obwohl er durch seine Gegenwart in den geteilten Wesen gleichsam geteilt ist (BG XIII,16 und XVIII.20), ist “Einer, wenn er in sich ist, und viele, wenn er in den Kindern ist” (SB 10.5.2.16), die nicht Wesen von selbständiger Art sind, sondern Wesen durch Teilhabe.
All das findet sich auch in der ältesten Saṃhitā-Lehre, in der es die Sonne oder das Feuer ist, die bzw. das in den Schoss eintritt und umherwandelt : so steht im RV X.72.9 geschrieben, Aditi “gebiert Mārtāṇḍa in wiederkehrender Geburt und Tod” (prajāyai mṛtyave tvat punaḥ); im RV VIII.43.9: “Du, Agni, bist im Schoss und wirst aufs neue geboren” (garbhe san jāyase punaḥ); im RV X.5.1, wo Agni “an vielen Geburten teilhat” (bhūrijanmā); im RV III.1.20, wo er als Jātavedas “sich Geburt auf Geburt niedersetzt (janmān-janman nihitaḥ), d.h., wie Sāyana beifügt, “in all den Menschenwesen”; als Jātavedas ist er sich aller Geburten bewusst (I.70.1, I.189.1, VI.15.3), und das zwangsläufig, weil er, wie es die SB IX.5.1.68 umschreibt, “immer und immer wieder zur Geburt findet” (jātaṃ jātaṃ vindate). Auf gleiche Weise “entsteht er, der Herr in diesen Schossen, in mannigfaltiger Art, indem er die (drei) Lichtreiche füllt, der Bewegte und Unbewegte” (purutrā yad abahvat, sur ahaibhyo garbhebahyaḥ, RV I.146.1.5), “doch mannigfaltig in der einen Gestalt, als Seins-Spender für dein ganzes Volk” (_viśo viśvā anu prabhuḥ RV VIII.11.8).
Es braucht hier nicht dargelegt zu werden, dass die Saṃhitās keine “Reinkarnation” (individuelle Wiederverkörperung auf Erden) kennen, da allgemein bestätigt wird, dass auch die Brāhmaṇa nichts von einer solchen Lehre wissen (vgl. Keith, Aitareya Aragyaka, S.44 [1909]), — ausgenommen natürlich im üblichen Sinne der ahnengebundenen Wiedergeburt in der Nachkommenschaft (RV V.410, VI.70.3; AB VII,13; AA II.5). Wir sind vielmehr daran interessiert zu zeigen, dass der Veda von Seelenwanderung (Transmigration) und dabei von nur einem einzigen Seelenwanderer spricht, und dass er zwischen “Befreiung” und “Wiederkehr” (vimucaṃ nāvṛtam punaḥ (RV 5.46.1)1 unterscheidet. Unser Argument ist, dass die Begriffe punarṃṛtyu und punarjanma, die schon im RV und den Brāhmaṇa auftauchen, in den späteren Schriften nicht die neuen Bedeutungen (anderswo) “wieder sterben” und (hier) “wieder geboren werden” erlangen, die allgemein in sie hineingelesen werden. In der Mehrzahl der Fälle verweisen die Ausdrücke wie “wiederholter Tod” und “wiederholte Geburt” auf das gegenwärtige Leben oder “Werden”, wie in AB VIII,25 (sarvam āyur eti, na punar mriyate) und in SB V.4.1 (sarvān … mṛtyūṃ atimucyate), wo zwar von der bedingten Unsterblichkeit, nicht vorzeitig zu sterben, die Rede ist, ein Überhaupt-nie-Sterben aber ausser Diskussion steht. Im “Werden” (bhava, γένεσις) sterben wir jede Nacht und werden jeden Tag wiedergeboren, und in dieser Hinsicht sind “Tag und Nacht wiederkehrende Tode” (punarmṛtyū … yad ahorātre) (JB I.11). Punarṃṛtyu ist nicht irgendein anderer Tod, der einem zukünftkgen Leben ein Ende macht, sondern bildet zusammen mit punarbhava oder janma die Beschaffenheit jeglicher Form oder Gestalt des “zufälligen” (kontingenten) Seins; und von diesem Vorgang im Diesseits oder Jenseits nun, dem Lebensrad (bhavacakra, ὁ τρόχος τής γενήσεος in Jk. 3.6 ) wird Befreiung gesucht, und nicht von irgendeinem Tod allein.
Wir haben bisher den Seelenwanderer, Parijman, den “Umherziehenden”, nur als den “Grossen Katalysator” in Betracht gezogen, der von den Handlungen, zu denen er ermächtigt, selbst unberührt bleibt. Dieser Erhabene Herr, das Erhabene Selbst, das als ein und dasselbe in den Herzen aller Wesen sitzt (BG X.20, XIII.27), der Bürger in jeder “Stadt” (BU II.5.18; Philo, De Cherubim 121), beteiligt sich nicht aus eigener Not am Tun, sondern nur aus einer Opferhaltung heraus und um den Weltvorgang aufrechtzuerhalten (BG III.9.22), in welchem er ungeteilt unter geteilten Lebewesen und unvernichtbar unter den vernichtbaren bleibt (BG XIII.16.27), als ob er sich daran ergötzte (BrSBhashya 2.1,32,33) Solange er (Makha, das Opfer) einer ist, können sie ihn nicht besiegen (TA V.1.3); aber als Einer kann er seine Geschöpfe nicht ins Leben rufen und er muss sich teilen (MU 12.6). Tatsächlich wird wiederholt berichtet, er, Prajāpiti, “begehrte” (akāmayat), viele zu sein, und so geschieht es, wie es uns erscheint, nicht ganz selbstlos, sondern “aus einem noch nicht erreichten Ziel und aus der Absicht heraus, sich an den Gegenständen der Sinne zu erfreuen”, dass er uns in Gang setzt (MU II.6d). Aber das ist ein gefährliches Unterfangen, denn als Erfahrender wird er von der Flut der Eigenschaften des Urstoffs (prakṛtair guṇaiḥ), mit dem er zusammenwirkt, weggetragen; als das körperhafte (śarīra) Elementen-Selbst (bhūtātman), als erkennendes Subjekt gegenüber den vorgeblich äusseren Objekten der Wahrnehmung und als Zusammensetzung aller Begehren (sravakāma-maya) ist er benebelt und sieht den gütigen Seins-Spender und Antreiber in sich selbst nicht, “sondern denkt sich, ‘Das bin ich’ und ‘Das ist mein’, und fesselt sich damit durch sich selbst wie ein Vogel im Netz (jālenava khacaraḥ) und wandert (paribhramati = saṃsarati, saṃcarati) in sowohl gutartigen wie bösartigen (sadasat) Schossen umher, überwältigt von den Früchten der Taten und den Paaren der Gegensätze” (MU III.2, VI.10)
Für das Elementen-Selbst gibt es allerdings ein Korrektiv (pratividhi), nämlich das Studium und die Meisterschaft der vedantischen Weisheit und die Erfüllung seiner eigenen Pflicht (svadharma) auf den üblichen Lebenstufen (āśrama MU IV.3). “Durch das Wissen des Brahman, durch gluterfüllte Askese (tapas) und Selbstversenkung (cintā = dhyāna) gelangt er zu ewigwährender Freude, ja, wenn der ‘Mann im Wagen (rathitaḥ) befreit ist von diesen Dingen, mit denen er angefüllt und von denen er überwältigt war, dann gelangt zur Vereinigung mit dem Geist” (atman eva sāyujam upaiti BU IV.4.6) und so, “wirklich Brahma-geworden, verweilt er” (brahmabhūtena attanā viharati A II.211). Dies entspricht Nikolaus von Kues’ deificatio, für die das sine qua non eine ablatio omnis alteritatis et diversitatis ist (eine Tilgung jeglicher Andersheit oder Verschiedenheit).
Anders gesagt, “begehrt” (kam, man) Prajāpati, vielerlei zu werden und seine Kinder “auszudrücken” (sṛj); nachdem er das getan hat, ist er vergossen und fällt geschwächt und zergliedert um (Brāhmaṇa, passim). “Mit Liebe” (preṇā) dringt er in sie ein und kann dann nicht mehr vollständig und ganz zusammenkommen (sambhū), es sei denn durch das Opferwirken der Götter (SB I.6.3.36 ff.). Es ist hinreichend bekannt und bedarf hier keines Beweises, dass der Endzweck dieses Wirkens, bei dem der Opfernde sich in symbolischer Weise selbst opfert, darin besteht, dass sich sowohl der Opfernde wie auch die zerteilte Gottheit zu ein und derselben Zeit ganz und vollständig erneuern. Es ist klar, dass die Möglichkeit einer solchen gleichzeitigen Wiederherstellung auf der theoretischen Gleichsetzung des wirklichen Wesen des Opfernden mit jenem der immanenten Gottheit beruht, wie es im Ausspruch, “Das bist Du”, als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Uns selbst opfern heisst, Gott in uns zu befreien.
Wir können die These noch auf eine andere Weise erläutern, indem wir uns auf jene Texte beziehen, in welchen die immanente Gottheit als ein “Bürger” des “Staatswesens”, in das sie gleichsam verbannt ist, und von dem sie sich befreit, wenn sie sich ihrer selbst erinnert und wir unser Ich vergessen. Dass der menschliche Körper eine “Stadt Gottes” (puraṃ .. brahmanaḥ AV X.2.28 / brahmapura (passim)) genannt wird, ist bestens bekannt; und er, der als ein Vogel (pakṣī bhūtvā) Bürger all dieser Städte wird (sarvāsu pūrṣu puriśayaḥ), ist hermeneutisch betrachtet puruṣa (BU II.5.18). Der Sonnen-Mensch bzw. die Person, die so in uns wohnt und die Aller-Freund ist, ist auch der geliebte Vāmadeva, der Lebensodem (prāṇa), “der sich inmitten all dessen setzt, das ist (sa yad idam sarvam madhyato dadhe) und der alles, was ist, vor dem Bösen schützt” (AA II.2.1); noch im Mutterschoss weilend (garbhe … san) erkennt er alle Geburten der Götter (Lebenskräfte, Intelligenzen, Seelenmächte), die ihm dienen (RV IV.37.1; KU V.3., usw). Er sagt von sich selbst: “Hundert eiserne Städte hielten mich fest, doch entfloh ich wie ein Falke im schnellen Flug (RV IV.27.1, usw.) und: “ Ich war Manu, und ich war die Sonne”’ (RV IV.26.1; BU I.4.10, usw.). “‘Doch entfloh ich wie ein Falke‘…, so sprach der inkarnierte Vamadeva (garbhe … śayānaḥ = puriśayaḥ). Weil er diese Erkenntnis hat, steigt er (ūrdhva utkramya) nach der Trennung von diesem Leib empor zu jener himmlischen Welt. Wenn er (in der himmlischen Welt) alle Wünsche erfüllt hat, vereinigt (samabhavat) er sich und wird unsterblich” (AA II.5; vgl. I.3.8, Schluss). Vāmadeva wird hier mit jenem “anderen Selbst” (itara ātmā) gleichgesetzt, das, “ganz Tat” (kṛtakṛtyaḥ) im Greisenalter, abscheidet (praiti) und aufs neue erzeugt wird (punar jayate = samabhavat)”, d.h. für das dritte und letzte Mal wiedergeboren wird.
Der Ausweg des “Zwergs” Vāmana, des Oberaufsehers der Stadt (puram … anuṣṭhāya), der in der Mitte thront (madhye āsīnam), und dem die Viśve-Devāḥ (Atemkräfte, Seelenmächte) aufwarten (upāsate), wird weiter in KU V.1-4 beschrieben, wo gefragt wird: “Wenn der zergliederte Bewohner des Körpers von diesem selbst befreit wird (asya visraṇsamānasya śarīrasthasya dehinaḥ dehād mucyamānasya), was lebt dann fort? (kiṃ pariśiṣyate)”, und wo die Antwort fällt: “Das”, nämlich Brahman, Ātman, — das Prädikat des Ausspruchs: “Das bist Du”. Somit bedeutet Ātman “das, was übrigbleibt, wenn wir von unserer Person alles wegnehmen, was nicht Selbst ist”; unsere Bestimmung ist es, unser eigenes begrenztes Leben als “dieser und jener” mit Gottes grenzenloser und einfacher Seins-Weise zu tauschen – “Ego, daz wort ich, ist nieman eigen denne got alleine in sîner einekeit.“
Die Berücksichtigung all dessen, was bis hierhin gesagt wurde, erlaubt es uns, an einen Text wie denjenigen von BU IV.1-7 heranzugehen, ohne dem Irrtum zu verfallen, die “Raupe” in Vers 3 sei eine individuelle und deutlich charakterisierte “Seele”, die vom einen zum andern Körper übergeht. Es ist im Gegenteil das ungeteilte und niemals individualisierte Selbst, das sich nun von neuem gesammelt hat (atmānam upsaṃharati vgl. BG II.58) und das, befreit von der “Unwissenheit” des Körpers (mit dem es sich nicht länger identifiziert), weiterwandelt oder “transmigriert”; dieses wieder gesammelte Selbst ist der Brahman, der entsprechend seiner Wünsche und Tätigkeiten (Vers 5) jede, Form und Beschaffenheit des Daseins, die gute wie die böse, annimmt; wenn es noch gebunden (saktaḥ), noch begierig (kāmayamānah) ist, kehrt (punar aiti) dieses Selbst (ayam, d.h. ayam ātma) von jener Welt in diese Welt zurück, aber wenn es ohne Begehren (akāmayamānah) ist, wenn es nur sich selbst (atma- kamah) liebt, dann “ist es das wahre Brahman und geht in Brahman ein” (brahmaiva san brahmāpyeti), dann “wird der Sterbliche unsterblich” (Verse 6,7). Der Sinn dieser Schriftstellen wird von all jenen Übersetzern verdreht und mit einer reinkarnationistischen Bedeutung versehen, die das ayam in Vers 6 mit “er” oder “der Mensch” übersetzen und dabei nicht beachten, dass dieses ayam nichts als das ayam ātmā brahma des vorangegangenen Verses ist. Es werden nicht zwei “Menschen” voneinander unterschieden, sondern die beiden Formen des Brahman-Prajāpati, die “sterbliche und unsterbliche”, die begierige und begierdelose, die umgrenzte und nicht-umgrenzte, usw. (SB IV.7.5.2; BU II.3; MU VI.36, usw.), und die “beiden Gesinnungen, die reine und unreine”(MU VI.34.6). Falls über diesen Punkt noch Zweifel herrschten, würden sie mit den Worten der BU IV.3.35-8, “Hier kommt der Brahman”’, behoben, die klarmachen, dass es nicht ein Einzelwesen, sondern Gott selbst ist, der kommt und geht, wenn “wir” geboren werden oder sterben.
Es wäre eine Antinomie, wenn man die Worte “Das bist Du” auf sich selbst –d.h. auf einen Menschen als “diesen oder jenen” – oder auf irgend eine andere Person bezöge, oder wenn ich dächte, mein Ich, le moi sei das “Ich” im Gedicht von Swāmi Nirbhyānanda:
Ich bin der Vogel, gefangen im Netz des Trugs
Ich bin der, der den Kopf neigt
Und der Eine, zu dem er sich neigt:
Ich allein bin da, kein Suchender, nichts Gesuchtes,
Als ich am Ende die Einigkeit verwirklichte, da erkannte ich, was mir nicht bekannt gewesen war:
Dass ich immer mit Dir in Vereinigung war.
Wenn der Seelenvogel schliesslich dem Netz des Voglers entkommt (Ps. 124.7) und seinen König findet, dann löst sich der scheinbare Unterschied von immanentem und transzendentem Wesen im Licht des Tages auf, und er hört und spricht mit einer Stimme, die gleichzeitig die eigene wie auch die des Königs ist:
Ich war die Sünde, die sich an Mir empörte:
Ich war die Reue, die Mich überragt und nötigt …
Pilger, Pilgerfahrt und Weg
War nur Ich zu Mir selbst: und Deine
Ankunft nur Ich an meiner eigenen Tür.
II.
Es wurde, denken wir, hinreichend gezeigt, dass die Schriften des Vedanta, vom Rg Veda bis zur Bhagavad Gītā, nur den einen einzigen Seelenwanderer kennen. Auf diese Lehre lässt sich, in der Tat, bereits aus dem Wort advaita schliessen. Das Argument, “der Brahman wird nur auf sinnbildliche Weise ‘Leben’ (jiva, Lebewesen) genannt, aufgrund seiner Verknüpfung mit zufälligen Bedingungen; dabei dauert die tatsächliche Existent eines solchen ‘Lebens’ nur so lange an, wie Er fortfährt, sich an irgendeine Folge von Zufälligkeiten zu binden” (Shankaras Kommentar zu BrSBhasya III.2.10), ist lediglich eine Darlegung der Gedanken, die schon im Logos, “Das bist du”, enthalten sind.
Zudem haben wir kurz auf die Homologie der indischen und platonischen Überlieferung hingewiesen und flüchtig auf die islamischen Parallelen angespielt: mehr um die Lehre verständlicher zu machen, als irgendeine Abstammung zu implizieren. Unter demselben Gesichtspunkt soll nun noch die jüdische und christliche Ueberlieferung betrachtet werden.
Im alten Testament wird gesagt, “zur Erde kehrt wieder der Staub, wie er war, und der Geist (ruaḥ) kehrt zurück zu Gott, der ihn gab” (Pred 12.7), wenn wir sterben und unsern Geist aufgeben. Darüber sei der Prediger, bemerkt Macdonald, “aus ganzem Herzen froh, denn dies verheisse dem Menschen einen endgültigen Ausweg”. Als “froh” darüber kann man nur jemanden erachten, der erkannt hat, wer er ist und auf welches Selbst er vertraut, wenn er von hinnen geht. Für die Juden, die sich nichts von einer “persönlichen Unsterblichkeit” versprachen, schloss die Seele (nefeṣ) immer “die niedere, physische Natur, die Begierden, die Seele des Hl. Paulus” mit ein — das in buddhistischen Worten alles nicht “mein Selbst” ist – und sie mussten darum an eine “Seele der Seele”, das πνεῦμα des Hl. Paulus, geglaubt haben, was Philo mit Bestimmtheit tat.
Im Christentum gibt es zwar eine Lehre vom karma (der Wirksamkeit mittelbarer Ursachen) und von einem Schicksal, das in den erzeugten Ursachen selbst liegt, aber keine Lehre der Reinkarnation. Nirgendwo sonst als in den Evangelien trifft man auf eine härtere Verwerfung der “Seele”. “Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht … seine eigene Seele (ἑαυτοῦ ψσυχήν)” (Lk 14.26); und “Wer seine Seele in dieser Welt hasst, der wird sie zu ewigem Leben bewahren” (Joh 12.25), aber “wer seine Seele erhalten will, der wird sie verlieren” (Lk 9.25). Verglichen mit dem “Gründer” (conditor = saṃdhātr) sind die anderen Wesen “weder schön, noch gut, noch sind sie überhaupt” (nec sunt, Hl. Augustinus, Confessiones 11.4). Der Hauptgedanke der christlichen Lehre ist die “Herabkunft” (avataraṇa) eines Retters, dessen ewige Geburt “vor Abraham” war und “durch den alle Dinge geschaffen sind”. Dieser Eine selbst gibt kund: “Es steigt ja niemand in den Himmel als jener, der vom Himmel herniederkam, nämlich des Menschen Sohn.” (Joh 3.13), und ferner sagt er: “Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hingelangen” (Joh 8.21), und: “Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst” (Mk 8.34).
“Denn das Wort Gottes ist voll Leben und Kraft und schärfer als ein zweischneidiges Schwert: es fährt hindurch bis zur Scheidung von Seele (ψσυχή) und Geist (πνεῦμα) “ (Heb 4.12). Wenn der Hl. Paulus, der zwischen dem inneren und dem äusseren Menschen unterscheidet (2 Kor. 4.16; Eph. 3.16), von sich selbst sagt, “Ich lebe – nein, nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir” (Gal 2.20) , hat er sich selbst verleugnet und seine Seele scheitern lassen, um sie zu retten, und er weiss, “in wen er geht, wenn er von hinnen geht”; was vom Leben bleibt (atiśiṣyate) ist nicht “dieser Mensch”, Paulus, sondern – der Retter selbst. In den Worten der Sufi ist Paulus “ein wandelnder Toter”.
Wenn sich die Gegenwart des Retters der Sichtbarkeit entzogen hat, ist er in uns durch den “Helfer” (παράκλητος) vertreten, “den Geist der Wahrheit (τὸ πνεῦμα τῆς ἀληθείας)… welcher der Heilige Geist ist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, er wird euch alles lehren … er wird euch in alle Wahrheit einführen” (Joh 14.17,26; 16,13.). In ihm erkennen wir Platons immanenten Δαίμων und Ἡγεμών, “der allein um die Wahrheit besorgt ist” und den Gott jedem von uns gegeben, “damit er mit ihm und in ihm weile” (Hippias 288 D, Timaios 90 A,B); aber auch das Ingenium des Hl. Augustins, die Synteresis der Scholastik, den Amor Dantes, den englischen inwyt, und unser Gewissen in seiner tiefsten (nicht nur moralischen) Bedeutung.
“Wer den Atman findet und und zu ihm erwacht, der in den Abgrund der Zusammengesetztheit des Leibes eingedrungen ist, er wird allmächtig, der Schöpfer des Alls, Sein ist die unendliche Welt, er selbst ist die Welt’ … er ist der Herr des Vergangenen und des Kunftigen … Zu ihm pilgern auch die Pilger, die sich nacht der wahren Welt sehnen” (BU IV,13,15,22), – “lest the Last Judgment come and find me unanihilate, and I be seiz’d and bound and given into the hands of my own selfhood” (William Blake).
Nur dann wirklich, wenn wir anerkennen, dass Christus und nicht das “Ich” unser wahres Selbst und der einzig Erfahrende in jedem Wesen ist, können wir folgende Worte verstehen: “Ich war hungrig … Ich war durstig … was ihr auch nur einem von meinen Brüdern, den geringsten, getan habt, das habt ihr mir getan” (Mt 25.35f). Unter diesem Gesichtspunkt spricht Meister Eckehart vom Menschen, der sich selbst erkennt, weil er “Dein Selbst in jedermann erblickt und jedermann in Dir” (Evans, II. S.132); genauso wie die Bhagavad Gītā von dem geeinigten Menschen spricht, der “denselben Herrn erkennt als den, der allen innewohnt, und sich selbst in allen Wesen sieht und alle Wesen auch in sich” (VI.29 + XIII.28). Wäre es nicht so, dass alles, was wir den “anderen” antun, nicht auch unserem Selbst angetan wär, das auch deren Selbst ist, dann gäbe es keine metaphysische Grundlage dafür, warum wir “anderen” das antun sollten, was uns selbst gern angetan würde; die metaphysische Grundlage ist im Gebot stillschweigend enthalten und anderswo nur noch deutlicher. Die Aufforderung, unsere Verwandten zu “hassen” (Lk 14,26) muss unter demselben Gesichtspunkt verstanden werden: die “anderen” sind als Gegenstand der Liebe nicht bedeutender als “ich”; nicht als “unsere” Nachbarn und Angehörigen sind sie zu lieben, sondern als unser Selbst (atmanas tu kāmāya, BU II.4.5)]; genauso wie nur sich selbst es ist, den Gott in uns liebt, so ist es Gott, den wir ineinander lieben sollen.
Von diesem immanenten Geist der Wahrheit, dem göttlichen Eros, hängt unser wirkliches Leben ab, bis wir “unsern Geist aufgeben” – den Heiligen Geist. “Der Geist ist es, der Leben wirkt; das Fleisch nützet nichts” (Joh 6.63). “Die Kraft der Seele, die im Samen ist, gestaltet durch den Geist, der darin eingeschlossen ist, den Leib.”(”Virtus anmimae quae est in semine per spiritum qui est in semine format corpus in generatione“: Hl. Thomas von Aquin, Sum.Theol. 3q32 1d1). Dies ist der “Sämann (ὁ σπείρων), der ausging “zu säen … Etliches fiel auf steiniges Land … Anderes fiel auf guten Grund … Das Feld ist die Welt” (Mt 13.3-9,37): sadasadad yonim āpadyate (MU 81 3.2). Und ist denn dieser Göttliche Eros, “der Feldkenner” (BG XVIII), jemand anders als der verlorene Sohn, “der tot war, und wieder lebendig wurde, verloren war und wieder gefunden wurde” – für so lange Zeit tot, dass er vergessen hatte, wer er war, und wieder lebendig, als “er in sich ging” (Lk 15.11f)?
Es wurde gesagt: “Ihr kreuzigt ihn täglich aufs neue” (vgl. Heb 6,6), und sicherlich macht das jeder Mensch, der überzeugt sagt, “ich bin” oder “ich tue”, und damit den Einen begrifflich in viele unabhängige und vergängliche Wesen zerteilt. Von allen Schlussfolgerungen, die aus der Lehre vom Einen und Einzigen Seelenwanderer gezogen werden können, ist wohl diese am treffendsten: da Er als Vogel, der im Netz und als Widder, der im Dornbusch gefangen ist, Opfer und Retter zugleich ist, kann er uns nur retten, falls und wenn wir, durch die Opferung und Leugnung von uns selbst, auch Ihn retten.
Ananda K. Coomaraswamy
Das Original dieses Textes erschien unter dem Titel “On the One and Only Transmigrant” im Journal of the American Oriental Society (Supplement); Nummer 3, April-Juni 1944.
Fussnoten (Abkürzungsverzeichnis am Schluss)
Abkürzungen der Sanskrit-Literatur
RV Rgveda Samhitâ / TS Taittirîya Samhitâ / AV Atharvaveda Samhitâ / VS Vâjasaneyi Samhitâ / SB Satapatha Brâhmana / AB Aitareya Brâhmana / KB Kausîtaki Brâhmana / PB Pañcavimsa Brâhmana / JB Jaiminîya Brâhmana / JUB Jainînya Upanishad Brâhmana / AA Aitareya Aranyaka / SA Shankhayana Aranyaka / BU Brhadaranyaka Upanishad / CU Chândogya Upanishad / KU Katha Upanishad / MU Maitri Upanishad / Up Upanisad / Kaus Kausitaki / Svet Svetâsvatara / Pras Prasna / Ait Aitareya / Mund Mundaka / Mand Mandukya/ BG Bhagavad Gîtâ / BD Brhad Devatâ / BrSBh Brahma Sûtra Bhâsya / A Anguttara Nikâya / S Samyutta Nikaya / D Digha Nikaya / Dh Dhammapada / Vis Visuddhi Magga / Mil Milinda Pañha.