Ein glücklicher Mensch

52 Tage zuvor

“Weil der Mensch dem Leibe nach unter die Ordnung der Sterne gestellt ist, gemäss der geistigen Erkenntniskraft aber unter die der Engel und im Willen unter Gott – so kann etwas jenseits der Absicht des Menschen geschehen, das dennoch der Ordnung der Sterne oder der Fügung der Engel oder auch Gottes entspricht. Wiewohl aber Gott allein unmittelbar auf die Willensentscheidung des Menschen einwirkt, hat doch auch das Wirken des Engels Einfluss auf die Entscheidung des Menschen, und zwar in der Weise der Überredung; das Wirken der Sterne aber in der Weise der Zubereitung, sofern die körperliche Einwirkung der Sterne auf unseren Leib uns zu bestimmten Entscheidungen bereit macht. Wenn also einer kraft der Einwirkung der Sterne und der höheren Ursachen auf die besagte Weise zu bestimmten Willensentscheidungen gedrängt wird, die ihm von Nutzen sind, deren Nützlichkeit er selbst aber aus eigener Vernunft nicht erkennt, und wenn seine Erkenntniskraft durch das Licht der Geistwesen erleuchtet wird, dass er das gleiche erkenne, und sein Wille durch göttliche Einwirkung gedrängt wird, sich für etwas ihm selbst Nützliches zu entscheiden, wovon er jedoch den Grund nicht weiss — so heisst der ein glücklicher Mensch.”

Thomas von Aquin
Summa contra gentiles, Buch 3, Kapitel 92
(Deutsch von Josef Pieper)

Cum igitur homo sit ordinatus secundum corpus sub corporibus caelestibus; secundum intellectum vero sub Angelis; secundum voluntatem autem sub Deo: potest contingere aliquid praeter intentionem hominis quod tamen est secundum ordinem caelestium corporum, vel dispositionem Angelorum, vel etiam Dei. Quamvis autem Deus solus directe ad electionem hominis operetur, tamen actio Angeli operatur aliquid ad electionem hominis per modum persuasionis: actio vero corporis caelestis per modum disponentis, inquantum corporales impressiones caelestium corporum in corpora nostra disponunt ad aliquas electiones. Quando igitur aliquis ex impressione superiorum causarum, secundum praedictum modum, inclinatur ad aliquas electiones sibi utiles, quarum tamen utilitatem propria ratione non cognoscit; et cum hoc, ex lumine intellectualium substantiarum, illuminatur intellectus eius ad eadem agenda; et ex divina operatione inclinatur voluntas eius ad aliquid eligendum sibi utile cuius rationem ignorat: dicitur esse bene fortunatus;

Sunfoot

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Krebs

244 Tage zuvor

Die beiden gegenläufigen Formen im Tierkreiszeichen Krebs ♋ erinnern, einzeln betrachtet, an Keimlinge.

Ein Keim ist im herkömmlichen Sinn die erste Anlage eines befruchteten Wesens, wie der Keimfleck im Ei. Die beiden Formen im Zeichen ♋ erscheinen denn auch wie zwei Embryone. Es geht hier also um etwas Entstehendes, Werdendes. Das Tierkreiszeichen Krebs ♋ bietet diesem entstehenden Wesen das Substrat; es ist die Fruchthülle, in der dieses sich gleichsam im "Embryonalzustand"  befindet;  es ist dessen Grund und zugleich dessen Stoff. Kurz: das Tierkreiszeichen Krebs ♋ ist der Ort, wo das Seiende (im individuell kleinen wie im kosmisch grossen) geschöpft wird und aufersteht. Als erstes oder kardinales Zeichen der zodiakalen Wasserdreiheit steht ♋ für die Tiefe und den Grund des Wassers (Guénons "fond des Eaux"), für die "Urwassertiefe", ja vielleicht für den  Urgrund schlechthin,  wo die Samen neuer Welten herankeimen (siehe den altindischen Mythos vom kosmischen Ei ).

Im Krebs ♋ ist nach einstimmiger Überlieferung der Mond in seinem Domizil; dort ist sein Heim. Es liegt darum nahe die letzte der neun planetarischen Sphären der Alten, den "Himmel des Mondes", mit dem Zeichen Krebs ♋ in Verbindung zu bringen. Dieser letzte "Himmel" aber, unter dem die sublunare, irdische Welt beginnt, ist die "Welt der Formgebung". Guénon setzt sie mit Jezirah, der dritten der vier kabbalistischen Welten, dem Wohnsitz der Engel, gleich. Es ist der Bereich, wo die Formen als Subtilleib gebildet werden, bevor sie ins Dasein kommen. Ist dies nicht auch der Bereich des mundus imaginalis ist, der Imaginalen Welt Henri Corbins,  dem  alam al-mithal, wo nach Ibn ‘Arabī "der Geist Körper und der Körper Geist wird"? Die Imaginale Welt ist die Welt der Seele und der Seelen. Es ist eine Art Zwischenwelt, deren Funktion "die mittlere und vermittelnde Stellung zwischen der intelligiblen und der sinnenfälligen Welt" ist.

Im Keimling formt sich ein neues Wesen. Dieses Wesen aber ist noch nicht in corpore sondern erst als Bild vorhanden,  als Geistleib. Dessen "Keimgrund" aber  — um in  der Sprache Corbins zu bleiben — ist die Himmelserde.

(Guénon, René: L’hiéroglyphe du Cancer. Voile d’Isis, 1931)

Sunfoot

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