Das Faivre-Paradigma und die Astrologie (2)

126 Tage zuvor

Die Ideenwelt der Esoterik lässt sich auf bestimmte Kriterien reduzieren und mit diesen von theologischen, wissenschaftlichen, mystischen und anderen Ideenwelten oder – genauer gesagt – Denkformen abgrenzen. Natürlich ist eine solche Unterscheidung nicht immer klar und eindeutig und hat, wie Faivre sagt, vor allem einen “praktischen Wert”. Es ist dies ein Richtwert, mit dem der Begriff “Esoterik” empirisch angegangen werden kann, um ihn angemessener zu gebrauchen und nicht mit “einem spirituellen oder semantischen Gehalt zu befrachten, den er an sich nicht hat”. Da ich davon ausgehe, dass die Astrologie in erster Linie als hermetisch-esoterische Disziplin betrachtet werden muss, sollten die Faivre’schen Kriterien auch auf sie angewandt werden können.

Im letzten Post wies ich auf die Bedeutung hin, die das Prinzip der Analogie für die Astrologie hat: Die Sprache der Astrologie als Sprache des Unus Mundus, die das “Wunder der Einheit”; möglich macht.

Im zweiten Punkt des Faivre’schen Paradigmas – “lebende Natur” (nature vivante) – legt Faivre ein Schwergewicht auf den Begriff der Magie als “Idee einer Natur, die in all ihren Teilen als wesentlich lebendig angesehen, erkannt und erfahren wird”

Der Gedanke, dass Astrologie und Magie miteinander in Zusammenhang stehen könnten, mag zunächst irritieren, da die Magie gemeinhin mit Talismanen, Ritualen, Beschwörungsformeln, ja sogar mit Hexerei assoziert wird. Tatsächlich besteht zwischen der Magie als einer operativen “Anwendung” von Kräften und der Astrologie als divinatorischer “Wissenschaft” ein Gegensatz wie – etwas vereinfacht gesagt – der zwischen Praxis und Theorie. Wie es aber möglich ist, Astrologie und Magie zu einer eigentlichen “Verquickung” zu führen, zeigt sich bei Marsilio Ficino (1433-1499). Ficino, eine herausragende Gelehrtengestalt der Renaissance, entwickelte neben seinem vielseitigen Wirken als Kommentator und Übersetzer antiker Literatur (u.a. der alexandrinischen Hermetik) eine eigene Astralmagie. Es gibt dazu einen interessanten Artikel von Angela Voss, in dem dargelegt wird, wie Ficino der kommerziellen Astrologie seiner Zeit eine Astrologie entgegensetzte, in der die Sterne und Planeten nicht mehr als einfache Wirkursachen betrachtet wurden, sondern als Symbole, in denen sich die Verbundenheit der menschlichen Seele mit der Weltordnung widerspiegelt. Astrologische Erkenntnis bedeutete für Ficino die Fähigkeit und im besonderen das Verlangen des Einzelnen, sich mit bestimmten Ritualen in den kosmischen Reigen einzustimmen und den menschlichen Geist mit dem planetarischen in Einklang zu bringen wie “zwei Saiten einer Laute”. Die Astrologie Ficinos diente dazu, die menschliche Seele dahin zu bringen, sich von den Begrenzungen eines “materialistischen Bewusstseins” (eines astrologischen Determinismus) zu befreien und sich selbst als ein “Abbild Gottes” zu begreifen. Für Marsilio Ficino war die Astrologie ein Werk zur Vergeistigung der menschlichen Seele: Magie.

Sunfoot

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