Obwohl meine persönliche Sonne zu anderen Planeten tatsächlich im Quadrat steht, geht es hier nicht um diesen meinen astrologischen Aspekt, — zumindest nicht explizit —, denn ich meine mit “Sonnenquadrat” ein Bild, das ich als Künstler und homo magus malte.
Wie ich bereits im letzten Beitrag schrieb, trieb mich vor Jahren ein gestalterischer Wille dazu an, mich mit magischen Quadraten zu beschäftigen. Dabei benutzte ich diese zunächst so, wie das seit der Blütezeit der Magie in der Renaissance gemacht wird: ich wandelte die Zahlenanordnungen nach bestimmten Methoden in runenhafte Zeichen um, in die sogenannten “Siegel”. Das Spielfeld an Kombinationsmöglichkeiten war unbegrenzt.1
Die sieben von Agrippa von Nettesheim in seinem Werk De occulta philosophia überlieferten planetarischen Quadrate sind indes nicht einfach nur Grundlage der Renaissance-Magie und Hexerei. Auch wenn über ihre Entstehungsgeschichte wenig verlässliches zu finden ist, so ist es offenbar, dass sie auch und vor allem auf tradierte kosmologische Vorstellungen verweisen und im besonderen auf jenen Bereich traditioneller Symbolik, der als “heilige Geometrie” (Sacred Geometry) bekannt ist. Es ist dies die pythagoräisch-platonische Anschauung, dass sich die Ordnung des Raums in der Zahlenwelt spiegelt, diese gleichsam sein Wesen ausmacht. Als ein harmonisch ineinander verflochtenes Ganzes ist der Kosmos ein heiliger Raum, in seiner arithmetischen Orientierung selbst ein templum, das an die grundsätzlich gute Schöpfung des “Weltbaumeisters” (⇰ Demiurgen) erinnert.
Vermutlich kamen die magischen Quadrate über die islamische Kultur zu uns. Um das Jahr 1200 christlicher Zeitrechnung herum soll ein arabischer Mathematiker namens Al-Buni bereits mystische Ueberlegungen zu ihnen angestellt haben.2 Ich habe im letzten Beitrag angedeutet, dass die sieben astrologischen Quadrate mit den mittelalterlichen Sphärenhimmeln in Bezug stehen.3 Auch diese Vorstellung dürfte über die arabische Kultur in die Gedankenwelt des Abendlands eingedrungen sein.
Ein bedeutenden Hinweis, dass die sieben planetarischen Quadrate zumindest im islamischen Kutlurbereich im eigentlichen Sinn zur heiligen Geometrie und nicht zur Magie zählten, fand ich damals in Islamic Patterns von Keith Critchlow. Critchlow, der zuerst mit Order in Space eine illustrative Arbeit zu den platonischen Körpern geschrieben bzw. gezeichnet hatte, untersuchte darauf die Geometrie der islamischen Ornamentik und setzte sie in Bezug zu esoterischen und metaphysischen Prinzipien. Wenn ich Critchlow recht verstanden habe, so sind die magischen Quadrate, die er alle sieben abbildet, implizit in der islamischen Ornamentik vorhanden, ihre Gesetzmässigkeiten in ihr eingeflossen. Mit anderen Worten: in guter Ornamentik steckt die die Logik des Kosmos, so wie im Kosmos eine göttlich ausgeklügelte Ornamentik steckt, wie im Reigen der Gestirne.
Mein Sonnenquadrat ist eine Synthese von Magie und Ornamentik. Es hing im Winter 1985 —es waren die Jahre des “Neo-Geo“— in einer Gruppenausstellung von Innerschweizer Künstlern im alten Luzerner Kunsthaus neben bzw. über den Werken von Walker, Winnewisser, Rütimann und wie sie alle hiessen und immer noch heissen. Warum ich als Unbekannter aus dem fernen Zürich damals von der Jury überhaupt zur Ausstellung zugelassen wurde, mag durchaus mit der magischen Wirkung des Bildes zusammenhängen, ein kleines Papierbündel, das sich auseinandergefaltet als grossformatige Zeichnung oder Malerei erwies.4
1 G.R. Hocke zeigt in seinen Arbeiten, besonders in Die Welt als Labyrinth, wie die Zahlenmagie als ein typischer Ausdruck des neuzeitlichen Manierismus ein verzweifeltes und oft abstruses Suchen nach dem verborgenen Gott ist; man versucht die Tiefe des Seins zu entschlüsseln und verschlüsselt dabei um so mehr seinen Zugang. Das entspricht meiner Erfahrung. Wie weit Astrologie und Manierismus (nach Hockes Konzeption) einhergehen, steht offen.
2 Mark Swaney on the History of Magic Squares
3 Wie Keplers das Modell des Sonnensystems in seinem Mysterium cosmographicum als eine Folge verschachtelter platonischer Körper darstellt, könnnten wir die Quadrate ineinander setzen – _quadratus in centro quadrati_– und bekommen so eine konzentrische Abstufung und Verdichtung der Quadrate zum Zentrum hin.
4 Vielleicht wäre das Bild gekauft worden, damals, wenn ich es um entscheidende 2 Schweizerfranken günstiger angepriesen hätte. Zahlenmagie!


