Mein Sonnenquadrat

198 Tage zuvor

Obwohl meine persönliche Sonne zu anderen Planeten tatsächlich im Quadrat steht, geht es hier nicht um diesen meinen astrologischen Aspekt, — zumindest nicht explizit —, denn ich meine mit “Sonnenquadrat” ein Bild, das ich als Künstler und homo magus malte.
Wie ich bereits im letzten Beitrag schrieb, trieb mich vor Jahren ein gestalterischer Wille dazu an, mich mit magischen Quadraten zu beschäftigen. Dabei benutzte ich diese zunächst so, wie das seit der Blütezeit der Magie in der Renaissance gemacht wird: ich wandelte die Zahlenanordnungen nach bestimmten Methoden in runenhafte Zeichen um, in die sogenannten “Siegel”. Das Spielfeld an Kombinationsmöglichkeiten war unbegrenzt.1

Die sieben von Agrippa von Nettesheim in seinem Werk De occulta philosophia überlieferten planetarischen Quadrate sind indes nicht einfach nur Grundlage der Renaissance-Magie und Hexerei. Auch wenn über ihre Entstehungsgeschichte wenig verlässliches zu finden ist, so ist es offenbar, dass sie auch und vor allem auf tradierte kosmologische Vorstellungen verweisen und im besonderen auf jenen Bereich traditioneller Symbolik, der als “heilige Geometrie” (Sacred Geometry) bekannt ist. Es ist dies die pythagoräisch-platonische Anschauung, dass sich die Ordnung des Raums in der Zahlenwelt spiegelt, diese gleichsam sein Wesen ausmacht. Als ein harmonisch ineinander verflochtenes Ganzes ist der Kosmos ein heiliger Raum, in seiner arithmetischen Orientierung selbst ein templum, das an die grundsätzlich gute Schöpfung des “Weltbaumeisters” (⇰ Demiurgen) erinnert.
Vermutlich kamen die magischen Quadrate über die islamische Kultur zu uns. Um das Jahr 1200 christlicher Zeitrechnung herum soll ein arabischer Mathematiker namens Al-Buni bereits mystische Ueberlegungen zu ihnen angestellt haben.2 Ich habe im letzten Beitrag angedeutet, dass die sieben astrologischen Quadrate mit den mittelalterlichen Sphärenhimmeln in Bezug stehen.3 Auch diese Vorstellung dürfte über die arabische Kultur in die Gedankenwelt des Abendlands eingedrungen sein.

Ein bedeutenden Hinweis, dass die sieben planetarischen Quadrate zumindest im islamischen Kutlurbereich im eigentlichen Sinn zur heiligen Geometrie und nicht zur Magie zählten, fand ich damals in Islamic Patterns von Keith Critchlow. Critchlow, der zuerst mit Order in Space eine illustrative Arbeit zu den platonischen Körpern geschrieben bzw. gezeichnet hatte, untersuchte darauf die Geometrie der islamischen Ornamentik und setzte sie in Bezug zu esoterischen und metaphysischen Prinzipien. Wenn ich Critchlow recht verstanden habe, so sind die magischen Quadrate, die er alle sieben abbildet, implizit in der islamischen Ornamentik vorhanden, ihre Gesetzmässigkeiten in ihr eingeflossen. Mit anderen Worten: in guter Ornamentik steckt die die Logik des Kosmos, so wie im Kosmos eine göttlich ausgeklügelte Ornamentik steckt, wie im Reigen der Gestirne.

Felix von Felanitx, Sonnenquadrat, 1985 ((by) courtesy of
"Sonnenquadrat", 1985, Öl und Acryl auf Papier (Foto: Simone Kappeler)

Mein Sonnenquadrat ist eine Synthese von Magie und Ornamentik. Es hing im Winter 1985 —es waren die Jahre des “Neo-Geo“— in einer Gruppenausstellung von Innerschweizer Künstlern im alten Luzerner Kunsthaus neben bzw. über den Werken von Walker, Winnewisser, Rütimann und wie sie alle hiessen und immer noch heissen. Warum ich als Unbekannter aus dem fernen Zürich damals von der Jury überhaupt zur Ausstellung zugelassen wurde, mag durchaus mit der magischen Wirkung des Bildes zusammenhängen, ein kleines Papierbündel, das sich auseinandergefaltet als grossformatige Zeichnung oder Malerei erwies.4

1 G.R. Hocke zeigt in seinen Arbeiten, besonders in Die Welt als Labyrinth, wie die Zahlenmagie als ein typischer Ausdruck des neuzeitlichen Manierismus ein verzweifeltes und oft abstruses Suchen nach dem verborgenen Gott ist; man versucht die Tiefe des Seins zu entschlüsseln und verschlüsselt dabei um so mehr seinen Zugang. Das entspricht meiner Erfahrung. Wie weit Astrologie und Manierismus (nach Hockes Konzeption) einhergehen, steht offen.

2 Mark Swaney on the History of Magic Squares

3 Wie Keplers das Modell des Sonnensystems in seinem Mysterium cosmographicum als eine Folge verschachtelter platonischer Körper darstellt, könnnten wir die Quadrate ineinander setzen – _quadratus in centro quadrati_– und bekommen so eine konzentrische Abstufung und Verdichtung der Quadrate zum Zentrum hin.

4 Vielleicht wäre das Bild gekauft worden, damals, wenn ich es um entscheidende 2 Schweizerfranken günstiger angepriesen hätte. Zahlenmagie!

Sunfoot

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Ein Saturnsiegel

204 Tage zuvor

Irgendwann anfangs der 80er Jahre wurde mir in der thurgauischen Kantonsbibliothek von Frauenfeld ein grossformatiger Lederband mit schweren Buchdeckeln ausgeliehen. Es war ein Buch von Agrippa von Nettesheim (1486-1535), sein auf lateinisch verfasstes Kompendium neuzeitlicher Magie, De Occulta Philosophia. Auf dem Xerox-Apparat vor dem Lesesaal kopierte ich dann mit bibliothekarischer Erlaubnis die Seite, auf denen sich die Holzschnitte mit den magischen Quadraten befand.

Vom modernen Standpunkt aus betrachtet, ist ein magisches Quadrat eine Anordnung von ganzen Zahlen in einem Quadrat, so dass die Summen über die Zeilen, Spalten und Diagonalen gleich sind. Ein Zahlenspiel.1

Für Agrippa aber —er wäre kein Vertreter der magia— haben diese Anordnungen der Zahlen einen versteckten Sinn und die Zahlen selbst ein eigenes Wesen.
Er bildet in seinem Magischen Werk sieben verschiedene Tafeln ab (je mit Zahlen und hebräischen Lettern) und weist die kleinste davon mit 3 mal 3 Zahlen, dem Planeten Saturn zu und die grösste, ein sogenanntes magisches Quadrat der 9. Ordnung, also mit 9 mal 9 Zahlen, dem Mond. Dazwischen stehen Mars, Jupiter, Sonne, Venus und Merkur.

Agrippa von Nettesheim hat sich den astrologischen Zusammenhang der sieben magischen Quadrate nicht aus den Fingern gesogen, denn es liegt nahe, dass seine magischen Quadrate in einem bestimmten — noch zu klärenden — Verhältnis zu der Vorstellung der Himmelsphären stehen, die bis zur kopernikanischen Wende der Neuzeit einen festen Platz in der christlichen und islamischen Kosmologie hatte.
Man könnte sich fragen, ob Agrippa bei der Anordnung der Zahlen in den verschiedenen Quadraten auch auf eine mittelalterliche Tradition zurückgreift, denn die Kombinationsmöglichkeiten der Quadrate der oberen Ordnung sind immens, und ausgeknobelt dürfte der junge Agrippa sie wohl kaum haben. Woher stammen sie also? (Um Hinweise bin ich dankbar!)

Saturnquadrat

Beim kleinsten Quadrat, das Agrippa dem Saturn zuordnet, wird die Frage nach der Herkunft der Anordnung jedoch irrelevant, da diese sozusagen in ihm selbst gründet, wobei die Zahl 5, bei allen möglichen Spiegelungen und Drehungen der anderen Zahlen, in der Mitte ihren eindeutigen Platz hat.

Interessanterweise feiert dieses Quadrat hier im Westen, im Zusammenhang mit der fennöstlichen Kunst der Geomantie (Feng-Shui), fröhliche Urständ. Denn unser Saturnquadrat entspricht in der chinesischen (taoistischen) Überlieferung dem Lo-Shu-Quadrat, das dem Reichsgründer Yu auf dem Rücken einer Schildkröte zugetragen wurde und zu den neun Provinzen des Reichs der Mitte geführt hat. Die Anordnung der Zahlen ist dieselbe: die geraden (statischen) befinden sich in den Eckpunkten des Quadrats und die ungeraden (dynamischen) in der Mitte der vier Seiten, ein Kreuz bildend, wobei die 5, wie oben angesprochen, im Mittelpunkt steht. Für eine Kultur, die dieses Quadrat als Ausgangspunkt nimmt, ist die 5 denn auch die eigentliche Universalzahl, man denke an den Vorrang der fünf Elemente in der chinesischen Kultur, ihre pentatonische Musik … Genaugenommen ist das “Reich der Mitte” nur die “innere” Provinz, in deren Mitte wiederum selbst der Palast des Kaisers als Sohn des “Himmels” und als Sohn der “Erde” steht. In der abendländischen Tradition gemeinhin als “Zahl des Menschen” bezeichnet, ist die Zahl 5 von ihrer Stellung in der Mitte des Kreuzes ausgehend auch die “zentrale” Zahl der “Erde”.2

Saturnsiegel
Ein magisches(!) Saturnsiegel

Damals aber in der Bibliothek ging ich weniger aus einem wissenschaftlich-theoretischen als vielmehr künstlerisch-gestalterischen Interesse an die magischen Quadrate heran. Ich wiederholte (mit der Hilfe meiner damaligen Freundin), was schon Agrippa mit den Quadraten getan hatte und zeichnete alle möglichen Verbindungen zwischen den Zahlen, so dass eigenartige Gitter und Zeichen enstanden, ungefähr so, wie das Agrippa von Nettesheim getan haben musste oder vor ihm getan worden war. Seine Betrachtung der Quadrate war “magisch” in dem Sinne, dass er aus den Zahlen sogenannte “Siegel” (Sigillen) zog, die für operative Zwecke verwendet werden konnten (Beschwörung, Talismane etc.).
Durch die Verbindung aller Zahlen im Saturnquadrat entsteht zum Beispiel ein typischer Saturnsiegel, dessen Form hier, mit dem Adobe-Illustrator farbig bearbeitet, im Verhältnis zu den kruden und etwas unheimlichen Holzschnitten in Agrippas Buch plakativ und harmlos zu sein scheint (die magische Kraft dahinter aber wohl die gleiche geblieben ist).

1 zum mathematischen Aspekt der magischen Quadrate siehe www.magic-squares.de

2 Zur taoistischen Dreiheit “Himmel-Erde-Mensch” und die Rolle der Zahl 5 siehe: René Guénon: La grande Triade Paris, 1957.

Sunfoot

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