Krebs

28 Tage zuvor

Die Gestalt der beiden gegenläufigen, embryonenhaften Formen im Symbol für das Tierkreiszeichen Krebs findet sich in einer Ligatur des Sanskrit für das bekannte einsilbige OM-Mantra der östlichen Tradition wieder.1

Das Schriftzeichen wie die Klanggestalt2 dieses Mantras, das seinem Laut entsprechend auch als AUM wiedergegeben wird, ist in drei Teile gegliedert. Da ist einmal das A als langer Anlautsvokal, (in der Schrift des Sanskrit mit wiedergegeben), und da ist der Schlusslaut als ein Punkt , bei dem es sich eigentlich nicht um ein M, sondern um eine ausschwingende Nasalierung des vorgehenden Vokals handelt. Zu diesen beiden Teilen des Schriftzeichen gesellt sich ein spiralförmiger Strich, der die Ligatur mitprägt. Er steht in den indischen Schriften für den Vokal U.

Dieses Zeichen ist mit der Form des Keimlings im Zeichen Krebs verwandt. Auffällig ist bei beiden Formen das sich einrollende, spiralförmige Ende. Tatsächlich steht der Keimling des Krebs und die Silbenmitte (U) des Mantras für einen Zustand im Stadium der “Einwicklung” bzw. “Entwicklung”. Es ist ein Zwischenzustand: ein Übergang zwischen der sinnenfälligen unteren Welt und der intelligiblen oberen Welt. Es ist der “Traumzustand” (taijasa) bzw. der Bereich der “imaginalen” Formen ( mundus imaginalis). So wie der Keimling das erst “virtuell” vorhandene, noch nicht manifeste Wesen zwischen “Konzeption” und “Geburt” symbolisiert, so steht die Silbenmitte des Mantras für den (in gewisser Weise umgekehrten, hinduistischen) Weg vom offenbarten Sein (A) zu dessen Zielursache (dem dimensionslosen, metaphysischen Punkt als Urgrund allen Seins).3

Wie gesagt werden die “Keimlinge” im Zeichen Krebs doppelt und zwar im gegenläufigen Sinn dargestellt, so dass ein Kreis mit zwei komplementären Formen entsteht. Dies entstpricht dem Yin-Yang , einem Symbol der der fernöstlichen Tradition, das die beiden Formen auf gleiche Weise wie das Zeichen Krebs vereint. Es handelt sich dabei um ein Symbol der Zyklik, das heisst, es steht für die Wechsel im zeitlichen Kreislauf mit Phasen der Vorherrschaft von yin (Winter, Dunkelheit) bzw. yang (Sommer, Licht). Es steht auch für die Symbolik der “Hemisphären” (wie die in verschiedenen Kulturkreisen auftretende Doppelspirale). Die Kugelgestalt (das “Weltei”) entspricht dem Sein in seiner vollkommenen Fülle, in dem die beiden Keimlinge ihren Ursprung haben, unterschieden in männlich und weiblich, aber noch nicht getrennt.

Wie das Tierkeiszeichen Krebs dem “Wasser” angehört, so auch die Muschel (shankha). Nach der indischen Tradtion bewahrt sie während der endzeitlichen Auflösung der Welt (pralaya) in ihrem Innern die Keime eines neuen Weltzyklus. Sie umschliesst den “unzerstörbaren” Urklang (akshara), den Einsilber OM, der sich am Anfang jedes Zyklus neu offenbart.4
Auch hier findet sich eine symbolische Entsprechung zum Keimling im Tierkreiszeichen Krebs: die gerade Linie (A)5 bedeckt und schliesst (U) die Muschel, die in ihrem Innern den Punkt (M) als Urgrund und Ausgangspunkt allen Seins enthält. Gleichzeitig aber versinndbildlicht die gerade Linie in ihrer horizontalen Ausrichtung die “Oberfläche der Wasser” als Grundlage für die Entwicklung der Keimlinge (das Aufblühen der Lotusblume) am Ende der zeitlichen Finsternis zwischen zwei Zyklen.

Von den beiden Stellungen der Muschel, die sich in den beiden Hälften des Symbols Krebs finden, entspricht die untere der Arche von Noah (oder der von Satyavrata in der hinduistischen Tradition) und enthält in ihrem Innern den Punkt, in dem sich alle Wesen im Zustand völliger Einfaltung zusammenfinden. Die andere Stellung ist im Regenbogen symbolisiert, der im Augenblick der Wiederherstellung der Ordnung und Erneuerung aller Dinge in der “Wolke”, dass heisst, im Bereich der Oberen Wasser erscheint. Die Arche hingegen schwimmt während der Flut auf den Unteren Wasser. Der untere Halbkreis als Arche und der obere Halbkreis als Regenbogen bilden für sich eine einzige kreisförmige Figur und sind zusammen ein Sinnbild für die Wiederherstellung des Ursprungs: als ganzer Umkreis ist es der vertikale Schnitt durch die ursprüngliche Kugelgestalt, während der horizontale Schnitt die kreisförmige Umfriedung des irdischen Paradies zeigt.

(Quelle: Guénon, René: L’hiéroglyphe du Cancer. Voile d’Isis, 1931)

1 Falls die Glyphe im Unicode (U+0950) nicht zu sehen ist, so ist ihr Browser nicht auf dem neuesten Stand und kann den Unicode-Satz der Devanagari-Schrift nicht darstellen. In diesem Fall schauen sie in den Artikel AUM der Wikipedia.

2 Zum Klang und zur Meditation des Mantras siehe wieobensounten.de

3 Die Gestalt und der Klang der Silbe ist ein Symbol für die mystische Einheit von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung des Seins; sie ist ist eine Versinnbildllichung oder Versinnlichung der trimurti (Brahma-Vishnu-Shiva).

4 vgl. den Prolog im Johannes-Evangelium: “Am Anfang war das Wort …”

5 Der Vokal A wird im Sanskrit auch als gerade Linie wiedergegeben.

Sunfoot

Kategorie: ,

Stichwörter: , ,

Kommentare

---

Die Rede vom Wassermannzeitalter

68 Tage zuvor

In meiner Internet-Recherche zum “Wassermannzeitalter” stiess ich auf folgenden Satz:

Wir erleben heute den katastrophalen Übergang des Fische-Zeitalters zum Wassermann-Zeitalter, den Untergang des Abendlandes und Aufstieg der neuen atlantischen Welt.

Wer diesen Satz liest, wird ihn wahrscheinlich dem Umfeld des so genannten New Age zuordnen. New Age — wir erinnern uns — wird allgemein seit den 80ern jene inhaltlich breitgefächerte, “alternative”, aber im Kern esoterische Bewegung genannt, die vor dem Hintergrund der atomaren Bedrohung des Kalten Krieges ihren Anfang nahm. Mit der New-Age-Bewegung geriet der bis dahin esoterisch-okkulte Diskurs um das Wassermannzeitalter an eine breite Öffentlichkeit, zuerst mit dem bekannten Hit aus dem Musical Hair und später dann auch mit dem Bestseller von Marilyn Ferguson, The Aquarian Conspiracy. Dieser Diskurs machte das eigentliche Herz der New-Age-Bewegung aus; sie wäre ohne die identifikatorische Kraft der Idee eines neuen Weltzeitalters ein heterogenes Gemisch von kulturellen, politischen und religiösen Reformbewegungen geblieben.

Der anfangs zitierte Satz stammt jedoch aus aus der Zeit der Weimarer Republik. Hitler stand kurz vor der Machtergreifung und Autoren “ariosophischer” Provenienz lieferten ihm in ihren Büchern den okkulten Rahmen für sein weltgeschichtliches Abenteuer. Das zyklische Geschichtsmodell Oswald Spenglers in Der Untergang des Abendlandes (1922) bot sich in geradezu idealer Weise dafür an, die “abendländische Kultur und Zivilisation” mit dem “Fisch-Zeitalter” in Verbindung zu bringen und den Beginn des “Wassermann-Zeitalters” als Wiege einer neuen Kultureinheit zu betrachten (und als Rechtfertigung einer Ideologie zu gebrauchen). Wenn man weiter liest wird die Linie der Argumentation klar.

Das sterbende Abendland abzubauen, ist die Bestimmung des dritten Reiches. Die Gestaltung des neuen atlantischen Kulturreiches im Wassermann-Äon wird Aufgabe des vierten Reiches sein.1

Es geht mir jetzt aber nicht darum, zwischen den okkulten Randerscheinungen des Nationalsozialismus und dem esoterischen Hintergrund des New Age irgendwelche ideele Verbindungen zu ziehen. Mir ist lediglich daran zu zeigen, wie die Rede vom Wassermannzeitalter immer auch eine Rede von der Zukunft des Menschen ist und wie leicht man in die ideologische Falle fragwürdiger Zukunftvisionen geraten kann.

Da die Debatte zum Wassermannzeitalter prinzipiell eine astrologische ist, ist damit natürlich die Astrologie in ihrer Prognostik angesprochen. Es ist bezeichnend, wie die Astrologen der New-Age-Bewegung (z.B. Sakoian und Acker) die Deutung der transsaturnischen Planeten ganz an einer Zukunft orientierten, die vom jugendlichen Geist des Aufbruchs der “goldenen Sechziger” bestimmt war (“neue Religiosität” mit Neptun im Fische, “neue Gesellschaft”, “neuer Mensch” mit Pluto im Wassermann etc.). Der Widerhall dieser grundsätzlich optimistischen Weltanschauung findet sich heute in unzähligen Websites zum Thema „Wassermanzeitalter“. Allerdings erschöpfen sich diese meistens im arglosen Gebrauch revolutionärer Klischees. Es werden weltumspannende, freiheitliche Gedanken, Visionen, Aufbruch, Erneuerung prognostiziert, oder man liest von Opferlämmern der Fischzeit aus denen zukunftsorientierte Freidenker werden. Da die Prognose (im Gegensatz zur Prophetie) nicht ohne den vergleichenden Rückgriff auf vergangenes Geschehen auskommt, werden kulturhistorische Anhaltspunkte benötigt, die gleichsam als Wegmarken dienen sollen. Mitunter wird auch die Begrifflichkeit der alten Zeit für die neue Zeit umgedeutet. Das wird besonders da offenbar, wo das “Ende des Fischezeitalter” mit dem “Ende des Christentums” gleichgesetzt und das überlieferte eschatologische Vokabular (“Reich”, “Neue Erde”, “Wiederkunft”) dieser Religion weiter verwendet wird.2

Worum geht es aber eigentlich in der Rede vom Wassermannzeitalter?

Offenbar ist da in erster Linie der Übergang von einem Zeitalter in ein anderes gemeint. Dieser Übergang ist von “kosmologischer” Dimenson, da er sich auf dem theoretischen Hintergrund der astronomischen Präzession abspielt. Mit der Präzession, dem Fortrücken des Frühlingspunktes auf dem Zodiakus um ein Grad in 72 Jahren (also 2160 Jahre in einem zwölften Teil seines vollen Umlaufs), wird eine Zeitaltertheorie verknüpft, deren Ursprung mit Sicherheit vor der Zeit des New Age anzusetzen ist, wie wir oben gesehen haben. Ihre eigentliche Herkunft ist nichtsdestoweniger ungeklärt. Offenbar ist das Wissen um die Präzession in die Rechnungsverfahren antiker (babylonischer, indischer, chinesischer und mexikanischer) Weltaltervorstellungen eingeflossen3, aber nichts deutet darauf hin, dass es jemals eine aus der Präzession hergeleitete zodiakale Weltaltertlehre gegeben hätte, geschweige denn eine solche religiös oder politisch instrumentalisiert worden wäre, wie dies – relativ – unlängst geschah.4 Mit grosser Wahrscheinlichkeit geht die Theorie der zodiakalen Weltalter nicht weiter zurück als ins späte 19. Jarhundert und findet die ideele Grundlage in der synkretistischen Weltanschauung der Theosophischen Gesellschaft.

Mit der Theosophie Blavatskys entstand eine moderne Richtung der Esoterik, die einerseits dem positivistischen Geist des 19. Jahrhunderts entsprechend die “Wahrheit” über die “Religion” stellte (“There is no religion higher than truth.”) und andererseits dem philosophischen Materialismus der Epoche einen dezidierten Spiritualismus entgegensetzte. Hinzu kommt der grosse Einfluss, den die neu entdeckte naturwissenschaftliche Evolutionstheorie auf das Werk von Blavatsky und auf die ihr folgenden Schulen ausübte (gerade auch solcher der Astrologie ). Man kann sagen, dass der spirituell aufbereitete kosmologische Evolutionsgedanke das sine qua non ihrer Esoterik ausmacht, ihr eigentlicher Ausgangspunkt ist. Damit aber wurde ein Schisma in der Esoterik vollzogen. Denn für die traditionelle Esoterik ist die Welt immer eine Welt im “Fall”.

Dieses Schisma in der Esoterik des 19. Jahrhunderts widerspiegelt nichts anderes als den tiefen weltanschaulichen Riss, der Wissenschaft und Religion seither trennt und die Geistsphäre der Menschheit in zwei scheinbar entgegengesetzte Lager spaltet: die einen sehen im Zustand der Erde eine “organische Krise der Evolution”, ein naturhaftes Geschehen, das der Mensch beherrschen kann, – wenn er will5 –, die anderen sehen in diesem Zustand eine “Tragödie”.6

Aufwärts oder hinab!

Bei der Rede vom Wassermannzeitalter geht es letzlich um eine Standortsbestimmung des Menschen. Die Linearität der geschichtlichen Zeit soll mit einer auf astrologischen Prämissen basierenden Weltzeitalterlehre in Einklang gebracht werden. Dem “Schrecken der Geschichte” (Eliade) wird ein kollektives „kosmisches Bewusstsein“ entgegengesetzt, das historisch Einmalige ins Archetypische übertragen und darin aufgehoben.7

1 Strückmann, Hitler und die Kommenden, zitiert aus der Stern des Abgrundes p.33

2 www.sungaya.de, www.philognosie.net usw.

3 René Guénon macht im ersten Kapitel seines kleinen, aber in seinem Gesamtoeuvre nicht unbedeutenden Schrift Formes traditionnelles et cycles cosmiques (S.22f) darauf aufmerksam, dass die traditionell überlieferten Jahrzahlen der indischen Weltzeitalter (Yugas) am Zeitkreis der Präzession abgeglichen werden müssen, um ihre wirkliche Dauer zu ermitteln.

4 vgl. Stuckrad, Geschichte der Astrologie. Der Versuch den Mithras-Kult mit der zodiakalen Weltalterlehre in Verbindung zu bringen, wird von ihm widerlegt.

5 Es ist gerade dieses “Wenn”, “die Ungewissheit, ob die Möglichkeiten wohl tatsächlich genutzt und realisiert werden”, was die Evolution von der Geschichte unterscheidet. “Was aber wirklich geschieht und in Zukunft geschehen wird – das entscheidet sich nicht auf dem Feld der Evolution sondern auf dem Feld der Geschichte” (Pieper, Josef: Hoffnung und Geschichte, München 1967, S.44)

6 In seiner “Meditation” zur Tarotkarte des Schicksalsrades spricht Valentin Tomberg von den zwei Weisen, das Phänomen der Evolution zu begreifen: “Man sieht sie als ‘natürlichen Vorgang’, wenn man sie mit dem Auge des Passagiers betrachtet, während man sie als ‘Tragödie und Drama’ sieht, wenn man sie mit dem Auge eines Besatzungsmitglieds betrachtet . … Wir sind hier beim Kern des Problems ‘Esoterik-Exoterik’ angekommen. Die Exoterik lebt in ‘Prozessen’, die Esoterik in … Trägodien und Dramen. Die alten Mysterien waren Tragödien und Dramen – darin zeigt sich ihr esoterischer Charakter”. — “Die exoterisch verstandene Evolution ist ein kosmischer Prozess – ob biologisch oder geistig ist unwichtig –, während sie esoterisch verstanden ein Drama oder ein Mysterium ist im Sinne der Mysterien der Antike. Und nur für die so verstandene Evolution werden die Ideen von Sündenfall, Verdammnis, Erlösung und Heil nicht nur annehmbar, sonder sogar notwendig”. (Die grossen Arkana des Tarot, Freiburg, 1983)

7 Hier setzt neuerdings der mundanastrologische Diskurs eines Richard Tarnas (Cosmos and Psyche) an, der überzeugt davon ist, dass der Mensch – “klug wie die Schlange” – mit einer profunden Deutung der transsaturnischen Planeten in der Lage ist, bewusster am evolutiven Geschehen d.h. an der “schöpferischen “Intelligenz”” (“creative intelligence“) des Universums teilzuhaben.

Sunfoot

Kategorie: ,

Stichwörter: , , , , , , , ,

---

Ein Saturnsiegel

117 Tage zuvor

Irgendwann anfangs der 80er Jahre wurde mir in der thurgauischen Kantonsbibliothek von Frauenfeld ein grossformatiger Lederband mit schweren Buchdeckeln ausgeliehen. Es war ein Buch von Agrippa von Nettesheim (1486-1535), sein auf lateinisch verfasstes Kompendium neuzeitlicher Magie, De Occulta Philosophia. Auf dem Xerox-Apparat vor dem Lesesaal kopierte ich dann mit bibliothekarischer Erlaubnis die Seite, auf denen sich die Holzschnitte mit den magischen Quadraten befand.

Vom modernen Standpunkt aus betrachtet, ist ein magisches Quadrat eine Anordnung von ganzen Zahlen in einem Quadrat, so dass die Summen über die Zeilen, Spalten und Diagonalen gleich sind. Ein Zahlenspiel.1

Für Agrippa aber —er wäre kein Vertreter der magia— haben diese Anordnungen der Zahlen einen versteckten Sinn und die Zahlen selbst ein eigenes Wesen.
Er bildet in seinem Magischen Werk sieben verschiedene Tafeln ab (je mit Zahlen und hebräischen Lettern) und weist die kleinste davon mit 3 mal 3 Zahlen, dem Planeten Saturn zu und die grösste, ein sogenanntes magisches Quadrat der 9. Ordnung, also mit 9 mal 9 Zahlen, dem Mond. Dazwischen stehen Mars, Jupiter, Sonne, Venus und Merkur.

Agrippa von Nettesheim hat sich den astrologischen Zusammenhang der sieben magischen Quadrate nicht aus den Fingern gesogen, denn es liegt nahe, dass seine magischen Quadrate in einem bestimmten — noch zu klärenden — Verhältnis zu der Vorstellung der Himmelsphären stehen, die bis zur kopernikanischen Wende der Neuzeit einen festen Platz in der christlichen und islamischen Kosmologie hatte.
Man könnte sich fragen, ob Agrippa bei der Anordnung der Zahlen in den verschiedenen Quadraten auch auf eine mittelalterliche Tradition zurückgreift, denn die Kombinationsmöglichkeiten der Quadrate der oberen Ordnung sind immens, und ausgeknobelt dürfte der junge Agrippa sie wohl kaum haben. Woher stammen sie also? (Um Hinweise bin ich dankbar!)

Saturnquadrat

Beim kleinsten Quadrat, das Agrippa dem Saturn zuordnet, wird die Frage nach der Herkunft der Anordnung jedoch irrelevant, da diese sozusagen in ihm selbst gründet, wobei die Zahl 5, bei allen möglichen Spiegelungen und Drehungen der anderen Zahlen, in der Mitte ihren eindeutigen Platz hat.

Interessanterweise feiert dieses Quadrat hier im Westen, im Zusammenhang mit der fennöstlichen Kunst der Geomantie (Feng-Shui), fröhliche Urständ. Denn unser Saturnquadrat entspricht in der chinesischen (taoistischen) Überlieferung dem Lo-Shu-Quadrat, das dem Reichsgründer Yu auf dem Rücken einer Schildkröte zugetragen wurde und zu den neun Provinzen des Reichs der Mitte geführt hat. Die Anordnung der Zahlen ist dieselbe: die geraden (statischen) befinden sich in den Eckpunkten des Quadrats und die ungeraden (dynamischen) in der Mitte der vier Seiten, ein Kreuz bildend, wobei die 5, wie oben angesprochen, im Mittelpunkt steht. Für eine Kultur, die dieses Quadrat als Ausgangspunkt nimmt, ist die 5 denn auch die eigentliche Universalzahl, man denke an den Vorrang der fünf Elemente in der chinesischen Kultur, ihre pentatonische Musik … Genaugenommen ist das “Reich der Mitte” nur die “innere” Provinz, in deren Mitte wiederum selbst der Palast des Kaisers als Sohn des “Himmels” und als Sohn der “Erde” steht. In der abendländischen Tradition gemeinhin als “Zahl des Menschen” bezeichnet, ist die Zahl 5 von ihrer Stellung in der Mitte des Kreuzes ausgehend auch die “zentrale” Zahl der “Erde”.2

Saturnsiegel
Ein magisches(!) Saturnsiegel

Damals aber in der Bibliothek ging ich weniger aus einem wissenschaftlich-theoretischen als vielmehr künstlerisch-gestalterischen Interesse an die magischen Quadrate heran. Ich wiederholte (mit der Hilfe meiner damaligen Freundin), was schon Agrippa mit den Quadraten getan hatte und zeichnete alle möglichen Verbindungen zwischen den Zahlen, so dass eigenartige Gitter und Zeichen enstanden, ungefähr so, wie das Agrippa von Nettesheim getan haben musste oder vor ihm getan worden war. Seine Betrachtung der Quadrate war “magisch” in dem Sinne, dass er aus den Zahlen sogenannte “Siegel” (Sigillen) zog, die für operative Zwecke verwendet werden konnten (Beschwörung, Talismane etc.).
Durch die Verbindung aller Zahlen im Saturnquadrat entsteht zum Beispiel ein typischer Saturnsiegel, dessen Form hier, mit dem Adobe-Illustrator farbig bearbeitet, im Verhältnis zu den kruden und etwas unheimlichen Holzschnitten in Agrippas Buch plakativ und harmlos zu sein scheint (die magische Kraft dahinter aber wohl die gleiche geblieben ist).

1 zum mathematischen Aspekt der magischen Quadrate siehe www.magic-squares.de

2 Zur taoistischen Dreiheit “Himmel-Erde-Mensch” und die Rolle der Zahl 5 siehe: René Guénon: La grande Triade Paris, 1957.

Sunfoot

Kategorie: ,

Stichwörter: , , , , , , , ,

Kommentare [1]

---

Das Faivre-Paradigma und die Astrologie (2)

126 Tage zuvor

Die Ideenwelt der Esoterik lässt sich auf bestimmte Kriterien reduzieren und mit diesen von theologischen, wissenschaftlichen, mystischen und anderen Ideenwelten oder – genauer gesagt – Denkformen abgrenzen. Natürlich ist eine solche Unterscheidung nicht immer klar und eindeutig und hat, wie Faivre sagt, vor allem einen “praktischen Wert”. Es ist dies ein Richtwert, mit dem der Begriff “Esoterik” empirisch angegangen werden kann, um ihn angemessener zu gebrauchen und nicht mit “einem spirituellen oder semantischen Gehalt zu befrachten, den er an sich nicht hat”. Da ich davon ausgehe, dass die Astrologie in erster Linie als hermetisch-esoterische Disziplin betrachtet werden muss, sollten die Faivre’schen Kriterien auch auf sie angewandt werden können.

Im letzten Post wies ich auf die Bedeutung hin, die das Prinzip der Analogie für die Astrologie hat: Die Sprache der Astrologie als Sprache des Unus Mundus, die das “Wunder der Einheit”; möglich macht.

Im zweiten Punkt des Faivre’schen Paradigmas – “lebende Natur” (nature vivante) – legt Faivre ein Schwergewicht auf den Begriff der Magie als “Idee einer Natur, die in all ihren Teilen als wesentlich lebendig angesehen, erkannt und erfahren wird”

Der Gedanke, dass Astrologie und Magie miteinander in Zusammenhang stehen könnten, mag zunächst irritieren, da die Magie gemeinhin mit Talismanen, Ritualen, Beschwörungsformeln, ja sogar mit Hexerei assoziert wird. Tatsächlich besteht zwischen der Magie als einer operativen “Anwendung” von Kräften und der Astrologie als divinatorischer “Wissenschaft” ein Gegensatz wie – etwas vereinfacht gesagt – der zwischen Praxis und Theorie. Wie es aber möglich ist, Astrologie und Magie zu einer eigentlichen “Verquickung” zu führen, zeigt sich bei Marsilio Ficino (1433-1499). Ficino, eine herausragende Gelehrtengestalt der Renaissance, entwickelte neben seinem vielseitigen Wirken als Kommentator und Übersetzer antiker Literatur (u.a. der alexandrinischen Hermetik) eine eigene Astralmagie. Es gibt dazu einen interessanten Artikel von Angela Voss, in dem dargelegt wird, wie Ficino der kommerziellen Astrologie seiner Zeit eine Astrologie entgegensetzte, in der die Sterne und Planeten nicht mehr als einfache Wirkursachen betrachtet wurden, sondern als Symbole, in denen sich die Verbundenheit der menschlichen Seele mit der Weltordnung widerspiegelt. Astrologische Erkenntnis bedeutete für Ficino die Fähigkeit und im besonderen das Verlangen des Einzelnen, sich mit bestimmten Ritualen in den kosmischen Reigen einzustimmen und den menschlichen Geist mit dem planetarischen in Einklang zu bringen wie “zwei Saiten einer Laute”. Die Astrologie Ficinos diente dazu, die menschliche Seele dahin zu bringen, sich von den Begrenzungen eines “materialistischen Bewusstseins” (eines astrologischen Determinismus) zu befreien und sich selbst als ein “Abbild Gottes” zu begreifen. Für Marsilio Ficino war die Astrologie ein Werk zur Vergeistigung der menschlichen Seele: Magie.

Sunfoot

Kategorie: ,

Stichwörter: , , , ,

---

Das Faivre-Paradigma und die Astrologie (1)

138 Tage zuvor

Das erste Kriterium einer esoterischen Denkform ist, nach Faivres Methode, der Grundgedanke der universalen Entsprechung(“correspondance”) der Dinge. Zwischen allen Teilen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt existieren symbolische Verbindungen, die – wie Faivre betont – als wirklich (“bien réelles”) betrachtet werden. Er zitiert die wohlbekannte Formel des Hermes Trismegistos (“wie oben so unten, wie unten so oben”) und fährt fort:

Man findet hier die uralte Idee des Mikrokosmos und Makrokosmos wieder, oder, wenn man so will, das Prinzip der universalen Wechselbeziehungen. Man hält dafür, dass diese Korrespondenzen auf den ersten Blick mehr oder weniger verborgen bleiben und folglich dazu bestimmt sind, gelesen und entziffert zu werden. Das gesamte Universum ist ein einziger grosser Schauplatz der wechselseitigen Abspiegelung, eine Welt von Hieroglyphen, die uns zur Entschlüsselung aufgegeben sind. Alles ist Zeichen, nichts gibt es, das nicht ein Mysterium in sich beschlösse oder eine Vorahnung davon erweckte. Ein jeder Gegenstand birgt ein Geheimnis in sich” (Antoine Faivre: Esoterik im Überblick, Freiburg 2001, S.24)

Faivre weist selbst auf die Bedeutung hin, die der Astrologie bei dieser Komponente esoterischen Denkens zukommt. Denn die Lehre der Entsprechung ist nicht nur für die Esoterik im ganzen, sondern gerade auch für die Astrologie fundamental. Der Grund dazu liegt nahe. Die Formel der Tabula Smaragdina ist — wie Valentin Tomberg in seinen Meditiationen zum Tarot hervorhebt — die “Formel der Analogie, für alles was im Raum existiert”. Die ihr innewohnende –topologische Symbolik_, die “Entsprechungen zwischen den Urbildern oben und ihren Manifestationen unten”, scheint wie für die Astrologie geschaffen zu sein. Die kleine Welt auf Erden ist ein Spiegel der grossen Welt im Himmel.

Die Formel aus der Tabula Smaragdina wird oft nicht zu Ende zitiert. Das Oben wird mit dem Unten in ein Verhältnis gesetzt, um – wie es abschliessend heisst – “das Wunder der Einheit zu vollbringen”, “ad perpetrando miracula Rei Unius”. Für das Verständnis der Lehre der Entsprechung ist das nicht unwesentlich, denn offenbar liegt deren Finalität darin, die Grundeinheit der Welt in ihrer Mannigfaltigket aufzuzeigen. Und genau das ist der anagogische Sinn jedes Symbols, seine “aufschliessende Kraft” (Goethe). Jedes Symbol zielt letztendlich auf das “Eine”, wie immer man auch diese Einheit nennen mag: Urgrund, Gott … Denn wie gesagt: die Entsprechungen sind symbolisch zu verstehen. Sie sind im eigentlichen Sinn des Wortes “sinnbildlich” d.h. sinn-bildend, sinn-stiftend, und das ist wohl auch der Grund, warum Faivre auf ihre “Wirklichkeit” verweist (“bien réelles”). Aus dem Grundgedanken einer allseitigen Entsprechung heraus kann jedes Ding in ein Verhältnis zu einer höheren Ebene gesetzt werden, das heisst die höhere Ebene ist im Ding “symbolisiert”: der Planet Mars ist ein “Himmelskörper” im naturwissenschaftlichen Sinne, aber er ist auch Hinweis auf eine höhere Instanz und zugleich ihr Ausdruck (wobei “Ausdruck” in keinem Fall mit “Einfluss” gleichgesetzt werden darf: der kausale Irrtum der modernen Schule der wissenschaftlichen Astrologie).

Man kann sich fragen, warum im Mittelalter die Astrologie nicht als Esoterik betrachtet wurde, sondern im Gegenteil als “Königin der Wissenschaft”, als “natürliche Theologie”, ihren festen Platz neben der Mathematik, Medizin und Philosophie hatte. Die Antwort fällt leicht, wenn man bedenkt, dass der Grundgedanke der universalen Entsprechung, die analoge Denkform, nicht nur ein esoterisches Prinzip ist, sondern gerade auch in der Theologie, spekulativen Philosophie und Metaphysik des Mittelalters ihren Platz und ihre Anwedung hatte. An der Formel “wie oben so unten” wurde noch nicht gezweifelt. Der Raum war noch nicht absolut gesetzt, leer, und musste noch nicht mit absurden “planetarischen Strahlungen” gefüllt werden.

Die Astrologie hat in diesem ersten Faivre’schen Kriterium seine Grundlage. Aber da im Vergleich zur heutigen Theologie und Philosophie (ganz zu schweigen von der Naturwissenschaft) allein die moderne Astrologie als hermetisch-esoterische Disziplin betrachtet wird, muss sie wohl noch weitere Kriterien des Faivre-Paradigma erfüllen. Bis auf weiteres …

Sunfoot

Kategorie: ,

Stichwörter: , , , ,

---

Astrologie als Esoterik

141 Tage zuvor

Es ist das Dilemma der modernen Astrologie, dass ihr zum einen, aufgrund ihrer klassisch-mechanistischen Methode, der Nimbus einer alten "Naturwissenschaft" anhaftet und sie zum anderen einen festen, wenn nicht schon fast zentralen Platz im gesellschaftlichen Diskurs rund um den inflationären Begriff "Esoterik" hat. Einerseits verlockt der naturwissenschaftliche Nimbus die Astrologen dazu, noch dem kleinsten Asteroiden und Planetoiden einen "kosmischen" und "symbolischen" Sinn abzuringen und so die Nähe einer Wissenschaft aufzusuchen, von der sie selbst doch mit Vehemenz ausgegrenzt werden, im Sinne einer partnerschaftlichen Kollusion ohne Ausgang. Andererseits ist sich die Astrologie bewusst, dass sie selbst keine Wissenschaft im modernen Sinne des Wortes sein kann, wie Niehenke das richtig sieht (in: Astrologie, ein altes Menscheitswissen). Man könnte die Astrologie vielleicht als "Vor-Wissenschaft" bezeichnen oder eben als "esoterische Wissenschaft", wenn letztere Bezeichnung nicht an und für sich schon wieder widersprüchlich wäre. Das Dilemma löst sich, wenn sich die Astrologie von ihrer Nähe zur Naturwissenschaft verabschiedet und den Standpunkt reiner Esoterik einnimmt.

Man kann den Begriff "Esoterik" auslegen wie man will, als breit angelegte, wild wuchernde kulturelle Erzählung oder als klar definierte Denkform: die Astrologie nimmt einen gewichtigen Teil in diesem Diskurs ein. Er besticht zuweilen durch grosse intellektuelle Redlichkeit und Hingabe, fällt aber auch immer wieder in eine mehr oder weniger undifferenzierte Teilnahme an der gewaltigen mythischen Überlieferung, die zuweilen bizarre Blüten treibt und oft zum sinnentleerten Marktgeschrei verkommt. (Was mich betrifft, so nehme ich Teil an den verschiedenen Formen des Diskurses, werde aber zumindest das letztere (!) in meinem Blog vermeiden.)

PS: Wer die Astrologie als Esoterik beschreiben will, tut gut daran, sie an den sechs Kriterien zu prüfen, wie sie Antoine Faivre in seiner methodischen Annäherung an die abendländische Esoterik aufgestellt hat. Ich werde in einem weiteren Post auf das sogenannte Faivre-Paradigma eingehen und es mit der Astrologie in Beziehung setzen.

Sunfoot

Kategorie: ,

Stichwörter: , , ,

---

Die Nullinie

168 Tage zuvor

Bereits der zweite Anruf von Maximilian diesen Morgen.

Mit dem ersten Anruf um acht, der mich geweckt hat, macht mich Maximilian auf ein Ereignis aufmerksam, das mich, — vom astrologischen Standpunkt aus, wie er sagt —, interessieren müsse: ich befände mich momentan auf der Nullinie des magnetischen Erdpols. Die Nullinie durchlaufe gerade die Stadt, sagt er; dann wird er genauer und ortet die Nullinie zwei Kilometer von seiner Wohnung westlich, ungefähr unter meinem Bett. Er wisse von diesem Ereignis schon seit Jahren, aber es sei ihm erst nach unserem Gespräch gestern abend wieder in den Sinn gekommen, wie brennend aktuell dieses Ereignis gerade für mich sei: der Augenblick der Nullinie sei für mich just heute, ja man kann sagen im Moment dieses Telefonats, gekommen.
Ich stehe barfuss im Gang auf dem Linoleum, halte den Hörer in der Hand und wechsle von einem Bein auf das andere: unter mir die Nullinie. Ich bin beunruhigt und will das Telefon beenden, gebe aber noch der Hoffnung Ausdruck, dass die Linie wohl nicht zukünftig meine Schlafruhe annulliere. Tschüss, Maximilian.

Und dann erneut das Telefon:
Er fragt mich, ob ich im Horoskop auch den Tod sehe … (seine Stimme zittert) … er habe seit langem Vorahnungen … seit Neptun im Eckhaus stehe, habe sich das verstärkt …
— “Was hat sich verstärkt?”
Er schweigt zuerst, dann (flüsternd):
— “Es geschehen so seltsame Dinge, es spukt in der Wohnung.”
Ich beschwichtige ihn.
Er merkt, dass er mir zuviel ist, und beendet abrupt das Telefon.

Sunfoot

Kategorie: ,

Kommentare

---