Asc Löwe in Konjunktion zu Mond Uranus / IC Skorpion in Konjunktion zu Sonne Neptun

252 Tage zuvor

Maximilian wollte horoskopiert werden.

Er empfing mich abends an der Türe und führte mich in die kleinere Stube mit der Vitrine für die Porzellanfiguren. Er offerierte mir einen Tee und süsses Gebäck, legte zur musikalischen Untermalung unseres Gesprächs keltische Musik auf und setzte sich dann zu mir an den runden Tisch. Auf dem Tisch befand sich etlicher Bürokram, unter anderem ein behördliches Papier oder das Papier einer Bank, das mit der Adresse der Erbengemeinschaft versehen war, als deren einziges Mitglied Maximilian endlich verblieb. Daneben lag eine kleine Schwarzweissphotographie mit dem Porträt einer jungen Frau, die kleine Zöpfe im Stil der Dreissigerjahre trug und damit ein wenig mädchenhaft wirkte. Bemerkte Maximilian, dass ich mein Augenmerk kurz dieser Photographie zugewandt hatte? War sie vielleicht vor meinem Eintreffen von ihm absichtlich so auf den Tisch plaziert worden, dass sie mir auffallen musste und es ihm damit ein leichtes war, das Gespräch auf diese Photographie zu bringen? Jedenfalls nahm er sie plötzlich in die Hände, hob sie, wie eine Reliquie, bedächtig in die Höhe und streckte sie mir mit den Worten entgegen:
„Dies ist meine Mutter".
Ich hielt die Photographie vor meine Augen und betrachtete sie intensiv: Das abgebildete Mädchen machte einen entschlossenen, fast wild entschlossenen Eindruck, es lag etwas Wölfisches in ihrem Gesicht; aber es war deswegen nicht unschön, im Gegenteil: das Gesicht war faszinierend; der tiefgründige, dunkle Blick dieser Frau schlug mich auf seltsame Weise in Bann.

Ich kannte seine Mutter nur von einer einzigen flüchtigen Begegnung her, als ich vor Jahren Maximilian einmal einen Besuch abstattete und mit ihm im Salon seiner Wohnung — oder müsste ich sagen: im Salon ihrer Wohnung — in eines unserer merkwürdigen, abstrusen Gespräche rund um naturwissenschaftliche Theorien und magische Weltdeutungen vertieft war. Die Mutter erschien kurz am Tischchen, wo wir in den Polstern sassen, begrüsste mich freundlich, servierte den Tee im Krug und tischte eine grosse Kirschtorte auf. Einige Augenblicke stand sie vor uns und machte einige witzige, aber herzhafte Bemerkungen über die Sammlerleidenschaft ihres Sohnes. Ihre Zähheit war unverkennbar. Ihre Stimme klang vehement und hob sich vom nasalen Ton ihres Sohnes ab. Bestimmt und eindringlich hiess sie uns die Torte geniessen, dann verliess sie den Raum. Wir aber führten unser pseudophilosophisches Nachmittagsgespräch fort. Wir verglichen den symbolischen Reichtum der französischen Tarotkarten mit der saloppen Dürftigkeit der deutschen; lasen in Steinleins Astrologie, Aberglaube und Sexualkrankheiten die Stelle über den babylonischen Mythus des Seeungeheuers Tiamat, der Mutter von Marduk; wir holten die verbotenen Bücher des Deutschen Ahnenerbes aus dem Regal und suchten nach der Erlöser-Rune; wir deuteten die Dämonik in der Farbe des Feuersalamanders und erörterten die Jung-Pauli-Theorie der Koinzidenz. Ich war berauscht von der Gedankenwelt, in die ich mit Maximilian tauchte, aber gleichzeitig fürchtete ich mich vor ihrer Tiefe. Kaum nahm eine Idee in unserem Gespräch Gestalt an, schien sie sich schon zu verflüchtigen; alles Besprochene, alles Gesehene, alles Gelesene schien mir auf den ersten Moment bedeutsam und war bezwingend, aber am Ende empfand ich es als banal; es war als hätte ich von einer Frucht gekostet, die als erstes süss schmeckte und dann im Munde ein Gefühl der Schalheit, ja Bitterkeit hinterliess. Die Pracht der Möbel in der Wohnung, die vollen und prall mit Lederbänden gefüllten Bücherregale, die grossen, schweren Samtvorhänge, all diese Gegenstände zusammen hatten etwas Bedrückendes; die Wohnung war in geradezu hypnotischer Fülle eingerichtet, so dass einem das Atmen schwerfiel. Ich befand mich in einer Art Höhle, die gleichsam mit Luxus auswattiert worden war und in deren Inneres kaum Licht fiel. Die nuschelnde Stimme von Maximilian bekam in dieser Umgebung etwas Gespenstisches, Geisterhaftes. Allein die Tatsache, dass von draussen in regelmässigen Abständen das surrende Geräusch des Stadtbuses zu vernehmen war und ich also jederzeit hätte aufbrechen können, beruhigte mich. Mir jedenfalls war nicht nach Kuchenessen, und schon nach dem ersten Stück war ich satt; das zweite, das mir aus übertriebener Höflichkeit aufgedrängt wurde, ass ich nur mit Widerwillen. Maximilian aber hatte einen unermesslichen, fast unheimlichen Appetit. Er schöpfte so oft nach, bis die Torte aufgezehrt war.

Dann begegnete ich Maximilian, den ich seit langem nicht mehr gesehen hatte, wieder auf der Strasse. Er rief mir den Namen zu und sprang mir freudig, in tänzelnden Schritten  entgegen.  Ich war von seiner körperlichen  Veränderung überrrascht — er hatte sich von einem ungemein korpulenten Mann zu einem fast schmächtigen Burschen heruntergemagert. Als ich ihn darauf ansprach, reagierte er gereizt; die Erinnerung an die Person, die er in seiner Leibesfülle einmal gewesen war, schien ihn zu stören.
Maximilian lud mich in ein Cafe ein.
Als ich mich nach seiner Mutter erkundigte, eröffnete er mir mit gespielter Gleichgültigkeit, dass er morgen ihre Asche im Krematorium abhole; sie sei vor einigen Tagen gestorben. Der Tod der Mutter schien für ihn eine admnistrative Routinesache gewesen zu sein. Es hätten, sagte er, lediglich zwei, drei Telefone für die Verwandtschaft getätigt werden müssen, nachdem der Leichnam schon eingeäschert war; in seiner Familie sei nie ein grosses Aufhebens um Verstorbene gemacht worden; der nächste Verwandte der Mutter, ein alleinstehender Onkel, habe lediglich gesagt, er danke ihm für die Mitteilung. Das war alles. Maximilian war allein.
Maximilian schaute mich an, als ob er einen Kommentar erwartete, aber ich sagte nichts.
Dann fuhr er mit der Bemerkung fort, dass er nun der letzte seines Geschlechts sei. Als er das sagte, sah ich, wie sein Gesicht strahlte, seine verschleierten tiefschwarzen Augen weiteten sich. Maximilian schien zu triumphieren. Er, Maximilian, der letzte eines Geschlechts, dessen Filiation über Fürstenhauser sich bis ins hohe Mittelalter zurückverfolgen liess; er,  der letzte der Herren von Rebstein, einer Horde christlicher sadistischer und gnadenloser Burgherren (wie er das sagte!) , in deren Adern im geheimen heiliges arabisches Blut floss (Blut, das nun auch seine Adern durchpulste und dem Koranspruch auf dem turkmenischen Amulett auf seiner Brust Bedeutung verlieh), er, Maximilian, gab sich die Ehre …

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