Kommentar zu Coomaraswamys "Seelenwanderer"

62 Tage zuvor

Ananda K. Coomaraswamys Artikel → Der Alleinige Seelenwanderer geht von der indischen Vorstellung aus, dass die kontingente Wirklichkeit alles Seienden aus einem Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt besteht (saṃsāra), dem ein Wesen solange unterworfen ist, bis es Erkenntnis und Befreiung (mokṣa) erlangt hat. Die absolute Erkenntnis ist nur zu erreichen ist, wenn das Erkennen nicht mehr auf ein “Anderes” (auch nicht auf uns selbst als Person), sondern auf das “Nichtandere” (= Gott) gerichtet ist; die Befreiung kommt nicht unserm “Ich” zu, sondern nur Atman, jenem innersten Selbst in uns und in allen Dingen, das in seiner ganzen Fülle als Urgrund und Mysterium des Seins, als Brahman, erfahren wird. Geschieht das, so ist der grosse Lehrsatz des Vedanta “Tat Tvam Asi”, “Das bist du”, verwirklicht.1

Das Wort “Transmigration”, das in Coomaraswamys Artikel mit “Seelenwanderung” übersetzt ist, bedeutet nichts anderes als der Übergang von einem Seinszustand in einen anderen, von einer Welt in eine andere2. Wie der Artikel zu verstehen gibt, ist es nicht irgendeine individuelle Wesenheit, eine Indivdualseeele, die “überwandert”, sondern das eigentliche und wahre Wesen, die transzendente Person in uns selbst. Es sind also nicht “wir”, die wiedergeboren werden, sondern der unvergängliche und ewige Kern unseres Wesen, und es sind nicht “wir”, die schliesslich Befreiung erlangen, sondern dieses unser wahres Wesen. Von daher wird es verständlich, dass sich Coomaraswamys Auffassung von Seelenwanderung (transmigration) nicht mit der explizit westlich-modernen Anschauung der Reinkarnation3 deckt, die ihren Ursprung unter anderem in falsch verstandenen sinnbildlichen Darstellungen der orientalischen Seelenwanderung gefunden hat. Wenn Coomaraswamy von “Reinkarnation” spricht, dann meint er die im eigentlichen Sinne animistische Vorstellung vom Weiterleben oder von der “Unsterblichkeit” der menschlichen Indivdualität in der Nachkommenschaft, eine für das orientalische Denken übliche, aber dem modernen individualistischen Denken fremdartig anmutende Vorstellung.

Die Lehre der Reinkarnation ist auch in zahlreichen Systemen der heutigen Astrologie4 präsent und wird teilweise auch psychotherapeutisch angewendet (rebirthing analysis, Rückführungstherapie). Coomaraswamys5 Artikel möge Anlass dazu sein, die eigene Einstellung zu der, mit Verlaub, oft recht unkritisch und schwärmerisch-naiv angegangenen Thematik der “nachtodlichen Wiedergeburt” zu überprüfen, und er mag dazu anregen alte, vom pseudospirituellen Denken verdrängte, metaphysische Betrachtungsweisen neu zu erschliessen.

1 Coomaraswamy beruft sich im wesentlichen auf die indische Advaita-Philosophie, dessen wichtigster Vetreter der am Anfang des Artikels zitierte Shankara ist. Für die meisten westlichen Leser ist es wohl überraschend, dass der Advaita-Gedanken auch in der abendländischen Geistessgeschichte aufgezeigt werden kann. Coomaraswamy spart nicht mit Hinweisen.

2 Es ist hier nötig, sich der herkömmlichen Vorstellung zu entledigen, der Tod bedeute nur das Ende des irdischen Lebens. Für den Inder nämlich findet sich der “Tod” in allen wechselhaften Veränderungen des Daseins, wie im Schlaf, in der Nacht, und er fällt immer mit der Geburt eines neuen Kreislaufes zusammen. So setzt die Geburt in diese Welt einen Tod in einer anderen voraus, und der menschliche Tod hat eine unmittelbare Geburt in einer anderen Welt zur Folge.

3 Der Begriff “Reinkarnation” geht auf den französischen Spiritismus des 19. Jahrhunderts zurück. Zum ersten Mal geprägt und in seiner modernen Bedeutung verwendet wurde er von Allan Kardec und ist dann —parallell zum spirituellen Evolutionsgedanke— in die Weltanschauung der Theosophischen Gesellschaft und von von da in deren verschiedene esoterische Verzweigungen eingeflossen. Wenn Indien heute auch von Reinkarnation spricht, so nur in der Sprache der ehemaligen Kolonialherren. — Mit dem Begriff der Reinkarnation geht fast immer der Begriff des Karma einher. Dabei wird der ursprünglich neutrale Begriff mit einer spirituellen Bedeutung beladen, die er so nie hatte. Die Entwicklung des modernen Begriffs von Karma geht parallel mit der Entwicklung des Reinkarnationsgedankens. Vor dem Hintergrund der sozialen und wissenschaftlichen Umbrüche des 19. Jahrhundert versuchte man in spiritistischen und theosophistischen Zirkeln die Soziale Frage “esoterisch” in Ordnung zu bringen. Es kam zu einer eigenwilligen Auslegung der Theodizee. Die Reinkarnationsidee war —leicht überspitzt ausgedrückt— die bürgerliche Antwort auf den Aufruf der Internationale an die “Verdammten dieser Erde”. (vgl. Rene Guénon, L’erreur spirite, Paris 1930.)

4 wie es Arryos astrologischer Bestseller schon im Titel “Astrologie, Karma und Transformation” vorwegnimmt.

5 Zu Coomaraswamys Person und Werk siehe wikipedia

Sunfoot

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