Die Astrologin und der Theologe

257 Tage zuvor

Die Astrologin setzte sich in einem grossen Saal, vor zahlreicher Zuhörerschaft, weit vorne, an einen grossen Tisch, auf dem sie ein Tonbandgerät anknipste, das ihre Worte aufzeichnen sollte. Es herrschte vollkommene Ruhe, als sie zu sprechen begann. Die Frau da vorne war unbestreitbar attraktiv, sie strahlte eine faszinierende Sinnlichkeit aus, auch eine Art Mütterlichkeit (für mich damals als Junge). Sie sass da wie eine Hohepriesterin, und ich mein das nicht ironisch: es umgab sie eine Aura der Erhabenheit, der Meisterschaft. Und sie hatte Stil: auf ihrer Kleidung prangte ein Halsschmuck von schwerer Fülle.

Das Thema: Saturn.

Sie begann mit einem Exkurs in die Mythologie und durchschritt dann die Zeichen und Häuser. Ich war erstaunt wie präzis sie einige Stellungen beschrieb. Erfahrungswerte, dachte ich, so etwas liest man sich nicht an. Sie war in ihren Aussagen erstaunlich direkt, was sich spätestens dann zeigte, als sie schonungslos das Horoskop einer Teilnehmerin analysierte, das sie kurz zuvor fast rituell, in der Art einer Performance, mit sicheren Strich auf eine der Wandtafeln gezeichnet hatte. Im Horoskop, das da jetzt mit Kreide auf der Tafel stand, war ein Kreuz von Saturn und Mars und anderen Planeten. Und was sie dann sagte, war erschütternd und erschreckend für mich. So spricht nur eine Astrologin zu einer Astrologin, dachte ich, die Meisterin zur Schülerin, aber so spräche nie eine Psychologin zu einer Klientin, in dieser Direktheit. Liz Greene nahm kein Blatt vor den Mund. Wer sich in offener Bereitschaft auf die Astrologie einlässt, der lässt sich notwendigerweise auch auf die Dunkelheit der Welt ein, dachte ich, damals. Die Teilnehmerin dankte für die Interpretation und setzte sich wieder, scheinbar ungerührt. Mir tat sie leid. Das war hart. Es machte Eindruck.

Mein Nachbar am Pult, ein junger grossgewachsener und sympathischer Mann mit einem auffälligen Fingerring, machte Notizen, wie ein eifriger Schüler; dabei fiel mir auf, dass er die Namen der Titanen in griechischen Buchstaben schrieb. Kronos. Gaia. In der Pause kamen wir ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er ebenfalls Schweizer war und ich sogar seinen Hebräischprofessor persönlich kannte. Ich weiss noch, dass ich ihn wegen seines abgeschlossenen Theologiestudiums benied, aber auch darum, weil er er mit einer Opernsängerin lieert war — wie er sagte — und mitten in London neben der Victoria Station lebte. Ich hatte an diesem Sonntag eine mühsame Busfahrt aus der Suburb hinter mir.

Ein Theologe als Astrologe? Das war für mich damals kein Widerspruch und keine Herausforderung. Der Unterschied zwischen Vorsehung und Schicksal war für mich irrelevant; mein Wille frei, nur frei. Mein Menschenbild war “vergeistigt”. Ich glaubte an das Göttliche, weil ich es selber war. Ich zitierte Hölderlin. Gut, ich war jung. Überhaupt waren viele an diesem Seminar unglaublich jung. Alle wie ich neugierig darauf aus, mit dem Horoskop in der Hand den Bauplan ihrer selbst zu durchschauen, das “Ideal” ihres Lebensplans zu verwirklichen. Wir sprachen von allem: aber Gott brachten wir nicht ins Spiel. Dann gingen wir wieder unsere Wege.

Einige Jahre später entdeckte ich durch Zufall im Kellerlager der Zentralbibliothek in Zürich ein frisch erschienenes Buch von ihm, Felix M. Straubinger, so hiess er, der theologische Astrologe oder astrologische Theologe von damals auf dem Hügel von London. Der Titel des Buchs ist mir entfallen, aber es ging um das Verhältnis von Christentum und Astrologie. Oder von Kirche und Astrologie. Ich hab die Schrift gleich vor dem Gestell en diagonal durchgelesen, und nahm sie dann noch nach Hause. Studiert habe ich sie jedoch nie. Das Thema interessierte mich nicht, ich sah damals (und sieh auch heute noch) keinen grossen Widerspruch von kirchlicher Tradition und Astrologie. Jedenfalls zumindest nicht von katholischer Seite. Die Schrift erschien mir — aus astrologischer Sicht — wie ein zerknirschtes Unterfangen, wie eine Rechtfertigungsschrift eines verlorenen Sohns, der aus der Fremde wieder nach Hause gekommen war.

Jetzt hätte ich das Büchlein gern zur Hand. Mein romantisches Verhältnis zur Astrologie ist verflogen. Die Sterne am Himmel ersetzen nicht das Dach über dem Kopf. Kurz: ich bin realistischer, älter geworden, auch “trübsinniger” vielleicht, mich hat der Saturn gezeichnet. Und es gibt für mich viele offene Fragen. Vielleicht hülfen mir die Gedanken Straubingers aus meiner astrologischen Verstrickung heraus. Ist es nicht besser ein Knecht Gottes zu sein als ein Sklave des Schicksals? Bekanntlich erzeugt allein schon der Glaube daran, dass die Zukunft sich ändern lässt, Euphorie.

Sunfoot

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