"Cosmos and Psyche" von Richard Tarnas

117 Tage zuvor

Richard Tarnas “Cosmos and Psyche” wird seinen Weg auf die Bestseller-Verkaufstische der Buchhandlungen finden. Aber wenn es der Händler schliesslich einordnen will, wird er zögern: Philosophie? Geschichte? Esoterik? Diesem Buch seinen Platz zuzuweisen, ist in der Tat – zumindest auf den ersten Blick – schwierig.

Man kann den reichlich gegliederten Inhalt des Buches eigentlich in zwei Hälften trennen. Zum ersten wird dargelegt, wie das moderne Bewusstsein des Menschen mit der Wahrnehmung des Universums verknüpft ist, das heisst, —verkürzt und zugespitzt formuliert— es wird die These gesetzt, im Himmel spiegle sich die Menschheitsgeschichte. Im zweiten Teil dann folgt eine interessante und anschauliche Fülle von Fakten, die diese These auf dem induktiven Weg belegen sollen.

Aber gehen wir der Reihe nach. Denn Tarnas Argumentation ist klug und differenziert. Im ersten Teil analysiert er die kultur- und geistesgeschichtliche Situation der Gegenwart. Es ist eine “kosmologische” Situation. Tarnas weist auf den grossen Einfluss hin, den die kopernikanische Wende der Neuzeit immer noch auf die Befindlichkeit des heutigen Menschen ausübt. Dieser habe sich jedoch so an die Errungenschaften der Moderne gewöhnt, dass er gar nicht mehr wahrnehme, dass er auf den Trümmern einer anderen Weltanschauung lebe, die unterschwellig immer noch ihren Anspruch stelle. Tarnas weist auf das Nebeneinander von zwei antagonistischen Weltanschauungen hin, die er auf das Gegensatzpaar “Fortschritt” und “Fall” reduziert.1. Die postmoderne Distanz ermögliche es jetzt, sagt Tarnas, beide dieser Weltanschauungen als gleichwertige, sich gegenseitig bedingende und ergänzende Mythen(!) zu betrachten. Sündenfall und Fortschrittsglaube als Kehrseiten der gleichen Medaille? Tarnas beruft sich auf John Stuart Mills, der sagt, dass die kontroversen Seiten in intellektuellen Debatten üblicherweise “in dem, was sie behaupten, Recht haben, aber Unrecht, in dem was sie verneinen”.

Also haben —könnte man mutig folgern— die Theoretiker des “Sündenfalls” Recht, wenn sie behaupten, dass der Mensch mit seinem Wissensdurst aus der Natur schlägt und damit seinen Sturz in die Verlorenheit des Alls zu verantworten hat: der Weg des Himmels (Tao) ging verloren, und das Wissen führte unweigerlich ins Elend; dem Ruf der Schlange folgend wurde aus dem Menschen ein selbst-bewusstes Wesen, das heisst, ein in ein Ich- und Weltbewusstein gespaltenes Wesen. Der moderne Mensch hat dieses Erbe angetreten und mit Sicherheit kann man sagen: er ist mit seinem Wissen nicht glücklicher geworden.2
Das Gegenstück zum paradiesischen Mythos bildet der Mythos von der theoretischen Beherrschung der Welt. Damit verbunden ist der Glaube an den technischen und geistigen Fortschritt, wie er in der Vernunftreligion der Aufklärung zum Ideal wurde. Niemand wird abstreiten, dass dieser Mythos, für den das erworbene Wissen nicht “Fall”, sondern “Aufstieg” zu menschlicher Autonomie und Verantwortung bedeutet, nicht auch im Recht ist. Jedenfalls gibt es Grund, die Schlange zu verteidigen. Die Entzauberung der Welt musste geschehen, der Fall war die “absolut notwendige Sünde Adams”.3

Hinauf oder hinab? Wie lassen sich die beiden Wege zur Welt —Wissenschaft und Religion, Wissen und Glauben, Aufklärung und Romantik— gehen, ohne einander auszuschliessen? Ist das verlorene Ich des modernen Menschen zu retten?

Tarnas antwortet mit einem Gleichnis: Gesetzt, wir selbst wären die Welt; aber nicht die zerdachte atomisierte Welt der modernen Kosmologie, sondern eine beseelte Welt voller Schönheit und Harmonie. Wiederum gesetzt, es kämen zwei Freier. Wem würden wir uns öffnen: jenem, der uns als blosses Objekt studiert, um uns lediglich zu kontrollieren und zu beherrschen, oder jenem, der uns als ein intelligentes Wesen betrachtet, mit dem er in Dialog treten will? Natürlich wären wir als Welt so höflich und erzogen, dem ersten “objektiv” Auskunft über uns selbst zu geben, aber das Innere gäben wir ihm nicht preis!

Aber was ist denn dieses Innere, das die Welt uns bieten könnte? Es ist die anima mundi, wie die Alten die “Weltseele” nannten. Die Vorstellung von einer der Welt innewohnenden und sie bewegenden Macht war zwar noch bei den Pionieren der Neuzeit (Kopernikus, Kepler) lebendig, ging aber im Laufe der Moderne völlig verloren: das Universum wurde entseelt; die Seele aufs Hirn reduziert. Interessanterweise erlebte aber das Konzept der anima mundi eine Wiedergeburt mit der Tiefenpsychologe Jungs. Dazu beigetragen hat vor allem seine Archetypen-Lehre und das von ihm als Synchronizität genannte Phänomen der Koinzidenz. Während Jung noch vorsichtig daran hielt, seine Theorien in einem strikt empirischen, psychologisch-wissenschaftlichen Rahmen zu belassen, ist seit den Sechzigern eine “esoterische” Jung-Bewegung (vor allem in der Astrologie) dazu hinübergegangen, die Jung’schen Konzepte in ein neues “naturphilosophisches” Weltbild zu integrieren. Tarnas gehört ohne Zweifel zu ihr. Er weitet das Konzept des Archetyps der Tiefenpsychologie (als Manifestation eines kollektiven Unbewussten) auf dasjenige der “Urform” der platonischen Kosmologie aus; er “verschränkt” das Psychologische mit dem Kosmologischen. Kosmos und Psyche. Welt und Seele.

Dass jetzt die Astrologie ins Spiel kommt, erstaunt nicht. Die Planeten (planetary archetypes) werden symbolisch gleichsam zu den Schlüsseln der abendländischen Geistesgeschichte. Tatsächlich wird nach der interessanten theoretischen Einleitung nun der grösste Teil des Buches damit verwendet, mit einer fast schwindelerregenden Fülle von Analogieschlüssen die Idee dieser “Verschränkung” zu illustrieren und sie eben auch zu beweisen. Dabei ist Tarnas bedachtsam genug, sich nicht aufs Glatteis astrologischer Spekulation zu begeben und damit womöglich voreingenommenen Gegnern unnötige Angriffsflächen zu bieten. Er lässt nämlich die von naturwissenschaftlicher Seite wegen der Präzession oft kritisierte Zeichenbesetzung der Planeten weg und beschränkt sich hauptsächlich auf Konjunktionen und Oppositionen, und da vor allem auf die transsaturnischen Planeten. Allenfalls betrachtet er noch Transite in Horoskopen. Tarnas astrologische Technik ist also so stark aufs Wesentliche reduziert, dass die geschichtlichen (diachronen und synchronen) Analogien auch für einen astrologisch unbedarften Leser plausibel wirken und dieser womöglich gar nicht mehr aus dem Staunen herauskommt: die Weltgeschichte — eine kosmische Symphonie, ein universales Epos.

Ich müsste jetzt in die Vielfalt der von Tarnas erarbeiteten Fakten eintauchen. Dazu gäbe es genügend Anlass: Die Analogieschlüsse Tarnas’ durch die Geschichte hindurch sind oft verblüffend und originell, seine astrologischen Deutungen der abendländischen Kultur- und Geistesgeschichte (ich denke da spontan an seine köstliche Interpretation des “Moby Dick”) bestechend; sein neuer Blick auf Uranus als “prometheischer” Archetyp ein Wurf; sein Kapitel über die sogenannte “Achsenzeit” (Karl Jaspers Begriff für die Geburtszeit des menschlichen Geistes) eine grosse Einladung zur Mundanastrologie …

Und trotzdem: worauf will Tarnas mit diesem Buch eigentlich hinaus? Prognosen macht er nur zaghaft und vage, dazu ist er zu besonnen, und sie sind auch nicht sein Anliegen. Das Buch soll vielmehr eine Aufforderung an seine Leserschaft sein, sich dem “Kosmos” und seiner zeitlichen Entfaltung zu öffnen, um … ja, um …

… um die Geschichte gemeinsam einem schönen Ende zuzuführen?4

Der Händler wird Tarnas Buch nach einigem Abwägen wahrscheinlich dort hinstellen, wo es seines Inhalts wegen wahrscheinlich auch hingehört: zu Barbault, Baigent, Campion, Rudhyar, Greene ins Fach der Astrologie. Aber tut man Tarnas damit Recht? War es nicht gerade sein Anliegen, mit diesem Buch die Astrologie von ihrem esoterischen Korsett zu befreien und sie sozusagen als Magd der Philosophie in einen akademischen Diskurs einzubringen?

Richard Tarnas. Cosmos and Psyche. Intimations of a new World View. Viking (Penguin Group), New York (2006)

1 Ich hatte diesen Antagonismus bereits in in meinem Artikel Die Rede vom Wassermannzeitalter angesprochen.

2 Es sei nebenbei erwähnt, dass Tarnas Buch ein amerikanisches Buch ist. Tarnas weiss, dass der religiöse Fundamentalismus in den Staaten eine unerhörte gesellschaftliche Tragweite hat, und ich geh mit ihm einig, dass der fundamentalistische Traum von der ursprünglichen Unschuld des Menschen eine regressive Antwort auf die moderne Verunsicherung ist. Es ist dies eine existenzialistische Angst als Folge der Vereinzelung des Menschen, seines Herausfallens aus der Ganzheit des ursprünglichen “Selbsts”. Im Grunde ist der Fundamentalist nichts anderes als ein in seiner Einsamkeit verängstigter Mensch.

3 “certe necessarium Adae peccatum”, wie in der Karsamstagsliturgie der katholischen Kirche der Fall ins Selbst-Bewusstsein genannt wird. Er wird auch als felix culpa, als “glückliche Schuld” gepriesen.

4 Um auf den Grund dieser meiner —zugegebenermassen— provokativen Frage zu gehen, wäre ein separater Beitrag nötig. Es sei hier nur soviel hinzugefügt, dass ich nicht glaube, dass ein wie auch immer geartetes “kosmisches Bewusstsein” das Wissen des Menschen zum Guten wendet. Die Schuld Adams wird allein so nicht aufgehoben.

Sunfoot

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