Der Astrologe lag auf dem Sofa, das ihm als Bett diente. Der Astrologe schlief aber nicht, er dachte. Er dachte an die Planeten. An die Planeten dachte er! Neben seinem Kopf leuchtete sein Mobiltelefon, dessen Wecker er auf 23.19 gestellt hatte, weil er dann duschen und an die Arbeit gehen wollte. Der Astrologe arbeitete nachts. Man könne die Planeten nur in der Nacht betrachten, sagte er den Leuten, wenn sie meinten, Nachtarbeit sei ungesund. Gestern Nacht hatte er einem zufälligen Passanten auf der Strasse den Jupiter gezeigt. Und vor einigen Tagen den Mars und den Saturn einem Kind. Das wollte dann wissen, ob es auf dem Mars auch Dinosaurier gegeben habe.
Um 22.15 betrat Aries die Wohnung und knipste das Licht an. Der Astrologe tat so, als ob er schliefe. Er lag da und hörte Aries in der Wohnung auf seinen Gummisandalen herumschlurfen. Jetzt wird er gleich die Dusche aufdrehen, dachte der Astrologe. Im Badzimmer fing das Wasser zu rauschen an. Jetzt wird er gleich eine neue Variante seiner Schnulze singen. Aries begann mit seinem Gesang. Aus dem offenen Badzimmer roch es süsslich nach Shampoo. Einmal ging der Astrologe zum Badezimmer und fragte Aries, der vor dem Spiegel gerade seinen braungebrannten Körper balsamierte, nach seinem Sternzeichen. Ohne den Blick vom Spiegel zu wenden, antwortete Aries, er habe keine Ahnung, und zupfte an seinen Haaren herum. Schweigen. Der Astrologe insistierte und fragte, wann er geboren sei. Aries stockte einen Moment, dann hob er das Kinn, um es von unten zu betrachten und erklärte dabei, er sei Widder. So kam Aries zu seinem Namen.
Der Astrologe hatte sich mittlerweile auf seinem Sofa aufgerichtet, mit dem Rücken zur Wand. Er betrachtete das Bett von Ibn ‘Arabī an der gegenüberliegenden Wand des Raums. Das Bett war leer. Ibn ‘Arabī war weg. Am Abend des Tags, als seine Mutter und sein Bruder tödlich verünglückt waren, betrat er wortlos die Wohnung. Sonst begrüsste er den Astrologen, der meist auf dem Sofa die Ephemeriden studierte, mit muselmanischer Herzlichkeit. Er stand jeweils breitbeinig da und sagte: Trabajar – trabajar. Das klang wie ein Mantra. Aber an jenem Abend sagte er nichts. Er ging zum Bett, setzte sich kurz und legte sich dann hin. Die Koffer waren gepackt. Der Astrologe gab Ibn ‘Arabī die Hand zum Abschied. Er wird nicht wiederkehren, sagte man später, denn er selbst habe darauf hingewiesen, dass man das Land verlassen soll, das einen unglücklich mache, wie es im Buch stehe. Jetzt war das Bett leer.
Einmal setzte sich eines von Aries Mädchen auf das verwaiste Bett und wartete auf den Lover, der unter der Dusche sang. Der Astrologe lag auf dem Sofa, begrüsste das Mädchen, ein deutsches, mit einer kurzen Geste und das Mädchen erwiderte die Begrüssung mit einem verlegenen Lächeln. Es hatte wohl keinen alten, weissbärtigen Mann erwartet, der auf einem Sofa an die Decke starrt, als es mit dem Lover den Raum betrat. Das Mädchen sass schweigend auf dem leeren Bett und schaute zum Astrologen hinüber. Dieser dachte gerade an Saturn, ja er dachte Saturn selbst. Er war Saturn. Um ihn wehte der Schleier der Wehmut, wie die Dichter sagen. Er wandte sich dem Mädchen zu und sprach vom Rhein, seiner Jugend in Bingen, vom Fall der Mauer, der deutschen Schuld. Das Mädchen sagte immer: … oh … . Als Aries aus dem Badezimmer schlurfte, schaute es auf seinen Hintern. Was macht den Geck nur so attraktiv, fragte sich der Astrologe und unterbrach seinen Monolog über die Loreley.
Um 22.45 betrat Spica der Indianer die Wohnung. Er hatte wieder Lebensmittel geraubt und verstaute sie gerade geräuschvoll im Kühlschrank, als ihn der Astrolog vom Sofa aus darauf hinwies, dass sein Fleisch im Kühlschrank vergammle. Spica antwortete nichts. Er hatte tagelang nichts mit dem Astrologen geredet. Der Astrologe war für ihn ein Hexer. Er duckte sich, ging in sein Zimmer. Er hatte am Nachmitag eine volle Bierflasche vor dem Bett des Astrologen, also im Wohnzimmer, zerschlagen. Dabei war die Lache unter das Sofa des Astrologen geronnen und hatte dort dessen Bücher getränkt, unter anderem eines, das ihm Ibn ‘Arabī zum Abschied geschenkte hatte, eine Schrift von Ad-Darqawi. Der Astrologe wusste vom Bier unter seinem Sofa noch nichts. Was ihn ärgerte, war der unansehnliche Haufen von Fleisch im Kühlschrank. Spica kehrte aus dem Zimmer zurück und packte das Fleisch in einen Abfallsack. Dann kam er zum Astrologen ans Sofa, setzte sich ganz dicht neben ihn und streckte ihm die Hand zur Versöhnung entgegen. Sie alle, der Astrologe, Aries und er, seien doch eine Familie. Seine säuselnde Stimme war klebrig, unterwürfig. Es roch aus der Küche nach verbranntem Knoblauch. Spica sass da, wippte seinen Oberkörper auf dem Sofa und streckte nun dem Astrologen mit einem irren Lachen den Kopfhörer hin. Es sei der der gute alte gute Rock von Status Quo, lispelte Spica der Indianer, und wollte den Astrologen an seiner Nostalgie teilhaben lassen. Später stellte er ein Glas lauwarmes Bier neben das Sofa des Astrologen, obwohl der gar nicht wollte, wie er sagte. Als er dennoch das Glas zum Mund führte und daran nippte, grinste Spica, stand auf und brüstete sich, dass auch er ein señor sei, denn er sei fast so alt wie der Astrologe. Der lachte erschöpft und sagte: escorpión. Da kam Aries in einem seiner straffen Slips herangeschlurft und Spica warf sich ihm an die Brust, umarmte ihn und rief theatralisch auf zur Eintracht. Dabei schaute Aries desinteressiert über Spicas Kopf hinweg wie ein selbstverliebter Halbgott.
Um 23.32 verliess der Astrologe die Wohnung und ging in die Stadt hinunter. Dort betrat er ein Cybercafe und schrieb die Wochenvorschau für Madame Sosostris. Dann stand er auf, rückte den Stuhl zurecht, verliess das Lokal und schritt in die Nacht hinein, dorthin, wo ES ihn befahl.


